Antwort auf den Kollegen Rose

Lieber Kollege Rose,

danke für Deine schnelle Antwort auf unsere gemeinsame Stellungnahme. Leider mag diese Antwort nicht so recht befriedigen.

Unser Brief ist nicht in der Hoffnung geschrieben worden über diese Stellungnahme Klaus Zwickel über Nacht von unserer Position zu überzeugen. Diese Position ist ja auch offensichtlich die Mehrheitsposition des Vorstands – so jedenfalls kann man es aus der Anlage schließen. Diese Einschätzung drückt sich auch darin aus, dass wir unsere Stellungnahme zeitgleich als Leserzuschrift an den SPIEGEL und die metall sowie an das Labournet geschickt haben. Die KollegInnen des Labournet waren auch so freundlich das zu veröffentlichen.

Doch eine Erwartung haben wir mit dieser Stellungnahme natürlich verbunden. Wir erwarten, dass sich der Vorstand argumentativ mit uns auseinandersetzt – auch wenn er in seiner Mehrheit unsere Positionen nicht teilt.

Der schlichte Verweis auf zwei Vorstandserklärungen ist uns da einfach zu mager, zumal, wenn in einer der Anlagen schlicht nur behauptet wird, dass sich die Kriegsführung der NATO mit dem geltenden Völkerrecht deckt, ohne das argumentativ zu begründen. Denn eine organisationsinterne Auseinandersetzung über dieses wichtige Thema muß ja wohl mit Argumenten geführt werden und nicht damit, dass lediglich auf Beschlüsse verwiesen wird.

Unser Realitätsbewußtsein ist auch noch so weit intakt, dass wir nicht infrage stellen, dass der Vorstand demokratisch legitimiert ist. Auch sein Differenzierungsvermögen halten wir nicht für getrübt. Dies ist doch gar nicht das Problem. Trotzdem hat auch ein demokratisch legitimierter Vorstand nicht in dem Sinne ein freies Mandat, als er beschließen kann, was er will. Er muß sich an Richtlinien und Beschlüsse der Gewerkschaftstage halten. Und genau hier wird es interessant. Da hätten wir dann schon gerne gewußt, welche Politik aus welcher Beschlußlage abgeleitet ist.

Ein starkes Stück ist die Brille, die du auf unserer Nase entdeckt haben willst, eine Brille, die offensichtlich die Wirklichkeit nicht gerade schmeichelhaft abbildet.

Spätestens seit dem Golfkrieg Anfang der 90er Jahre haben wir an keiner Brille der kriegerischen Konfliktparteien mehr Gefallen finden können. Das half gegen Wahrnehmungstrübung und politische Instrumentalisierung. An diese Erkenntnis haben wir uns auch im aktuellen Konflikt gehalten und eben das haben wir an der Äußerung von Klaus Zwickel im SPIEGEL vermißt.

Die aktuelle Positionierung der IG Metall in der Friedensbewegung läßt uns allerdings hoffen, dass sich hier etwas ändert. Eben dies war Zweck unserer Initiative – auch wenn es in der Frage der Legitimität dieses Krieges nach wie vor ernste Differenzen gibt.

Mit kollegialen Grüßen

Berlin, 11.11.01

Jochen Gester