Auch 12 Euro Mindestlohn reichen nicht, um das Rentenelend zu beenden

Wenn der DGB Berlin-Brandenburg mal wieder an eine Protestaktion gegen das Elend der Rentenpolitik denkt, sollte er nicht nur ans Konrad-Adenauer-Haus als Protestort denken sondern auch das Willy-Brandt-Haus nicht vergessen. Gerhard Brauer hat in einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung dafür gute Gründe genannt:

SZ, 19. November 2017, 18:55 Uhr / Rente Reicht hinten und vorne nicht/ „Nachhilfe für den Chef“ vom 4./5.  November:

Der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) forderte jüngst, den Mindestlohn in „absehbarer“ Zeit von 8,84 Euro auf zwölf Euro pro Stunde anzuheben. Dieser Vorsatz ist sehr löblich, führt er doch zum Beispiel bei einer alleinstehenden Person zu einer deutlichen Verbesserung des monatlichen Nettoeinkommens von rund 1122 Euro auf 1427 Euro. Als Hauptgrund für diese Forderung betont Olaf Scholz, dass niemand, der Vollzeit arbeite, im Alter auf öffentliche Hilfe angewiesen sein solle. Dieses Ziel wird bei den gegenwärtigen Bedingungen in der gesetzlichen Rentenversicherung jedoch auch bei einem Mindestlohn von zwölf Euro nicht  erreicht.

Mit einem Stundenlohn von zwölf Euro kommen Beschäftigte auf ein monatliches Bruttoeinkommen von 2080 Euro, im Jahr also auf 24 960 Euro. Dafür werden in der Rentenversicherung 0,6727 Entgeltpunkte pro Jahr angerechnet. Selbst bei 45 vollen Beitragsjahren kommt man bei dem derzeitigen „aktuellen Rentenwert“ von 31,03 Euro (West) nur auf eine Monatsrente von 939,32 Euro brutto. Hiervon werden die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung (10,95 Prozent) abgezogen, verbleiben also noch 836,47 Euro. Ab dem Rentenjahrgang 2040 ist die Bruttorente voll steuerpflichtig, wegen verschiedener Freibeträge fallen zwar nur 15 Euro Steuern an, sie verringern dennoch die Nettorente auf 821,47  Euro.

Bereits jetzt können alte Menschen in Hamburg Grundsicherung von monatlich rund 850 Euro beanspruchen (Bedarf). Mit einem Stundenlohn von zwölf Euro werden Beschäftigte nach 45 Jahren weiterhin auf – wenn auch geringere – öffentliche Hilfe angewiesen sein, wollen sie ihren Bedarf decken. Und den Anspruch auf den Grundsicherungsbedarf haben alle Bürger, unabhängig davon, ob sie Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben, oder auch nicht. Dabei wird es nicht einfach sein, 45 volle Beitragsjahre in der gesetzlichen Rentenversicherung „anzusparen“. Den Besuch einer Fach- oder Hochschule, längere Krankheiten oder gar Zeiten der Arbeitslosigkeit kann sich niemand  erlauben.

Falls Scholz die Geringverdiener vor Altersarmut schützen wollte, könnte er sich dafür einsetzen, dass der „aktuelle Rentenwert“ auf gesetzlichem Wege deutlich erhöht wird. Vor allem seine Partei, die SPD, hat in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass dieser Rentenwert reduziert worden ist.

Gerhard Brauer, Hamburg

 

Für eine Mindestrente von 1.050 Euro netto!

Für viele reicht schon heute die Rente nicht zum Leben. Immer mehr Menschen werden in die Altersarmut getrieben.

Mit einem Durchschnittsverdienst von 2.500 Euro brutto und 15 Euro Stundenlohn kommt man nach 40 Arbeitsjahren auf eine Rente von ca. 904 Euro brutto. Aber wer erzielt schon 40 Jahre lang immer einen Durchschnittsverdienst von 2.500 Euro? Und wer arbeitet 40 Jahre ohne Unterbrechung?

Wer die Arbeit unterbrechen musste, wer längere Zeit in Teilzeit arbeitete, wer arbeitslos war, wer lange Ausbildungszeiten und Praktika hatte, wer – wenn auch nur zeitweise – für geringen Lohn arbeiten musste, erreicht diesen Wert nicht.

Das trifft vor allem Frauen. Ihre Altersrenten beliefen sich 2015 auf durchschnittlich 679 Euro brutto. Das ist deutlich weniger als die staatliche Grundsicherung im Alter von 799 Euro netto, die nicht zum Leben reicht. Die Durchschnittsrente von Männern beträgt auch nur äußerst bescheidene 1.006 Euro brutto.

Weil die Arbeitseinkünfte oft so niedrig und unsicher sind, dass sie nicht für eine minimale Alterssicherung reichen, haben sich die ArbeitnehmerInnen in den meisten europäischen Ländern eine Mindestrente erkämpft.

In den Niederlanden bekommt, wer 50 Jahre dort gelebt hat,

als Single    1.153,35 Euro +71,60 Euro Urlaubsgeld = 1.224,00 Euro

als Paar       1.691,48 Euro (Stand 2017)

In Österreich bekommt jede/r

als Single    1.038,00 Euro, nach 30 Versicherungsjahren 1.176,00 Euro

als Paar       1.556,53 Euro

In Belgien erhält  jede/r

als Single    1.145,80 Euro nach 45 Versicherungsjahren

als Paar       1.431,80 (Stand 2015)

In Dänemark bekommt, wer 40 Jahre dort gelebt hat,

als Single    1.710,00 Euro

als Paar       2.520,00 Euro (Stand 2017)

(Quelle: H.Balodis, D.Hühne, Die große Rentenlüge, Frankfurt 2017, S. 141-150)

Es gibt in der Europäischen Union nur 4 Staaten, die keine Mindestrente kennen. Das sind:    Estland, Litauen, Slowenien und Deutschland!

Mindestrente auch in Deutschland!

1.050 Euro netto (2018: 1.165 Euro brutto) sind das Mindeste!

Quelle: Bündnis „Rente zum Leben“