Das Jahr nach dem Hurrikan „Mitch“

Bericht über eine Reise nach León, Nicaragua

Dia-Vortrag und Diskussion

Veranstalterin: Frauen-AG des Arbeitskreises Internationalismus der IGM Verwaltungsstelle Berlin

Wann: Montag, 8. November 1999, um 18:00 Uhr

Wo: IGM-Haus, Alte Jakobstr. 149, 10969 Berlin (U-Bhf. Hallesches Tor), Großer Saal im 5. Stock

Gast: Christian Ströbele (MdB Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied im Bundestagsausschuß für wirtschaftliche Zusammenarbeit; angefragt)

Neun Monate nach dem Hurrikan „Mitch“ haben wir, acht Frauen aus Berlin, den 1997er Besuch von sechs Frauen aus León erwidert und waren vier Wochen lang vor Ort, beim Movimiento de Mujeres Trabajadoras y Desempleadas María Elena Cuadra (Bewegung der arbeitenden und arbeitslosen Frauen MEC).

Wir wollten wissen:

  • Wie sieht der Alltag von Frauen in Nicaragua und ihrer Familien aus?
  • Welche Verwüstungen hat der Hurrikan hinterlassen?
  • Wie leben die Menschen in den Notunterkünften; welche Ängste und Probleme, welche Hoffnungen haben sie?
  • Wie arbeiten die Nichtregierungsorganisationen, wie schätzen sie Situation und Entwicklung des Landes ein
  • Was tut die Regierung?
  • Wie sieht die Arbeit des MEC heute aus; wofür wurden unsere Spenden eingesetzt?

Darüber wollen wir auf unserer Veranstaltung berichten und mit Euch diskutieren.

Vor einem Jahr wurden die Länder Mittelamerikas, besonders Honduras und Nicaragua, vom Hurrikan „Mitch“ verwüstet. In Nicaragua begrub eine vom Unwetter ausgelöste Schlammlawine am Vulkan El Casita mehrere Dörfer und riß mehr als 2000 Menschen in den Tod.

Wie leben die Betroffenen heute in Nicaragua, und wie ist die politische und wirtschaftliche Situation des Landes einzuschätzen? Viele vor einem Jahr geäußerte Befürchtungen haben sich als berechtigt herausgestellt:

  • Die rechtsgerichtete Regierung des Präsidenten Alemán leistet keine Unterstützung für die Betroffenen; Hilfsgelder, die nicht direkt an nicaraguanische Nichtregierungsorganisationen (NRO) fließen, werden veruntreut bzw. mit Blick auf die nächsten Wahlen an die eigene politische Klientel verteilt. Die Korruption und Bereicherung von Alemán selber wird inzwischen international kritisiert.
  • Viele der Betroffenen dagegen leben immer noch unter Plastikplanen in provisorischen Notunterkünften. Die tropische Regenzeit hat inzwischen eingesetzt. Damit wächst die Gefahr der Ausbreitung von Krankheiten und die Angst vor einer erneuten Katastrophe. Land wird den von der Landwirtschaft lebenden Menschen von der Regierung nicht kostenlos zur Verfügung gestellt, obwohl es ausreichend Land in staatlichem Eigentum gibt.
  • Die Bedingungen des vom Internationalen Währungsfonds verordneten Strukturanpassungsprogramms ESAF II können von Nicaragua nicht erfüllt werden; dies ist aber Voraussetzung für einen Teilerlaß der Auslandsschulden.

… und trotzdem:

  • Nicaraguanische NRO, die Medien und viele Einzelpersonen protestieren öffentlich gegen die Politik der Regierung und fordern ein anderes Entwicklungsmodell, das sich an den Bedürfnissen der Bevölkerung orientiert, sowie eine Streichung der Auslandsschulden durch die internationalen Gläubiger.
  • Basisorganisationen, so auch das MEC León, arbeiten mit großem Einsatz daran, den Betroffenen wieder eine materielle und psychische Perspektive zu geben und ihre Selbstorganisation zu fördern.

Wir sind aufgefordert, durch materielle und politische Solidarität den Widerstand der NicaraguanerInnen gegen den sich entwickelnden „Somozismus ohne Somoza“ zu unterstützen, u.a. indem wir den Druck auf Bundesregierung und internationale Organisationen zur Streichung der Auslandsschulden Nicaraguas verstärken!

V.i.S.d.Pr.: Walter Mayer, IG Metall VerwSt. Berlin, Alte Jakobstr. 149 10969 Berlin