Geheimdienste knöcheltief im Morast des NSU-Komplexes

 

 

 

 

Zeugen, die kurz vor der Aussage plötzlich eines unnatürlichen Todes sterben. Hohe Beamte, die aus Gründen der Staatsraison die Aussage verweigern. Verstrickungsbeweise, die vorschnell als „unbewiesen“ oder gar als „Verschwörungstheorie“ abgetan werden. Die staatlichen Ermittlungs- und Verfolgungsbehörden machen keine glaubwürdige Figur. Der kritische Verstand der Menschen wird für blöd verkauft, wenn die öffentliche Darstellung des NSU-Komplexes nur selten das Narrativ des Münchner Generalstaatsanwalts verlässt, nachdem der NSU aus im wesentlichen drei Personen bestanden habe. Er soll demnach völlig auf sich allein gestellt fast ein Dutzend Morde in den verschiedensten Bundesländern verübt haben, ohne auf ein Netz von ortskundigen Helfern zurückgreifen zu können. Auch die neueste Nachricht, nach der der Chef der deutschen Sektion der rechtsterroristischen Gruppe „Blood an Honor“, die nachweislich den NSU unterstützte, auf dem Ticket der Dienste segelte, wird kurz aufflackern und morgen vergessen sein. Es sei daran erinnert, dass selbst die Aufdeckung des NSU nicht den deutschen Diensten zu verdanken ist sondern der Selbstenttarnung von Beate Tschäpe. Und auch der mutmaßliche Rechtsterrorist Franco A., der prominente Politiker/innen ermorden wollte, wurde nicht von den zuständigen Behörden aufgespürt sondern von den österreichischen Geheimdiensten, die hier Amtshilfe leisteten. Fast alles, was öffentlich bekannt wurde, verdanken wir der Recherchearbeit unabhängiger Journalisten. Viele viele Fragen bleiben offen, deren Antwort wohl nur die Zivilgesellschaft herausbekommen wird. Wir sollten nicht locker lassen. Eine sich verselbständigende Exekutive, die sich einer wirkungsvollen parlamentarischen Kontrolle entzieht, stand am Anfang einer Entwicklung, deren letzte Kapitel dann die Nazis schrieben.

Die Berliner Zeitung vom 16.5. 2017 berichtete unter der Überschrift  „Nazis als V-Männer bei Blood and Honour? Die dubiose Rolle des Verfassungsschutzes“ über die aktuelle Enthüllung zu Blood and Honor“. Wir zitieren aus diesem Bericht:

„Ende der 90er  ist Blood and Honour auch in Deutschland aktiv. Die Organisation hat hunderte Mitglieder, veranstaltet bundesweit Nazikonzerte und hat sogar einen terroristischen Arm namens Combat 18. Zahlreiche Aktivisten unterstützten aktiv das untergetauchten NSU-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und  Beate Zschäpe. Mit Waffen, mit Wohnungen, mit Logistik. Der NSU  hatten zwischen 2000 und 2007 zehn  Menschen brutal ermordet. Beate Zschäpe und vier weitere Unterstützer stehen deshalb in München gerade vor Gericht. Der Deutschland-Chef von „Blood and Honour“ aus Berlin ist zu diesem Zeitpunkt der mächtige Deutschlandchef der rechtsextremistischen Organisation. Doch jetzt erscheint er in einem neuen Licht: Betrieb er womöglich ein doppeltes Spiel? Denn aus Recherchen der ARD-Politikmagazine FAKT, REPORT MAINZ und report München ergibt sich der Verdacht, dass der Deutschland-Chef von „Blood and Honour“ ein V-Mann war. In einem amtlich geheim gehaltenen Vermerk aus dem Jahr 2000, den die beteiligten Journalisten einsehen konnten, heißt es, er sei vom LKA Berlin an das Bundesamt für Verfassungsschutz vermittelt worden. Die Undercover-Arbeit zahlte sich für den damaligen Deutschland-Chef von „Blood and Honour“ – laut Aussage – wohl aus: er soll in einem Gerichtsverfahren statt zu einer Gefängnisstrafe nur zu einer Geldbuße verurteilt worden sein. …

Auffällig ist, dass die Behörden mehrfach behaupten, der „Blood and Honour“-Chef sei im Frühjahr 2000 aus der Szene ausgestiegen bzw. unterhalte nur noch lose Kontakte. Im gleichen Jahr wurde „Blood and Honour“ vom Innenministerium verboten. Recherchen von FAKT, REPORT MAINZ und report München belegen jedoch, dass der „Blood and Honour“-Chef weiterhin in der Szene aktiv war. So schickte ihm das Bundesinnenministerium im September 2000 persönlich die Verbotsverfügung der Vereinigung zu – in seiner Eigenschaft als deren Anführer. Mindestens bis ins Jahr 2007 unterhielt er noch intensive Kontakte in das mittlerweile im Untergrund agierende „Blood and Honour“-Netzwerk.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz teilt auf Anfrage lediglich mit, die Fragen „betreffen den operativen Kernbereich. Daher können hierzu keine Auskünfte erteilt werden. Dies gilt sowohl für den Fall einer Zusammenarbeit des BfV mit der von Ihnen benannten Person als auch für den Fall einer nicht erfolgten Zusammenarbeit.“…

Recherchen von FAKT, REPORT MAINZ  und report münchen belegen, dass es noch weitere V-Leute im NSU-Unterstützernetzwerk Blood and Honour gab. In Sachsen berichtete eine dortige Top-Quelle dem Landesamt für Verfassungsschutz regelmäßig sogar von internen Führungstreffen. Die Berichte fallen auch in die Zeit, in der Blood and Honour Sachsen das NSU-Trio unterstützt haben soll.“