Koka, Krieg und Compañeros

Mauricio Romero über die historischen Hintergründe der kolumbianischen Konflikte. Er lehrt Politikwissenschaften an der Universität Javerina in Bogotá.

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Hoffen auf Frieden in Kolumbien / Foto: AFP/Luis Robayo

Nach jahrelangen Verhandlungen hat Kolumbiens Regierung mit der Guerillagruppe FARC ein Friedensabkommen geschlossen, das allerdings bei einem Referendum knapp durchfiel. Nun wird weiter verhandelt. Worin unterscheidet sich der aktuelle Friedensprozess von früheren?

Heute gibt es keine bewaffnete Reaktion der Rechten, wie es sie in den 1980er und 1990er Jahren gab. Heute sitzt die Reaktion im Kongress. In diesem Sinne ist ein gewisser Fortschritt zu verzeichnen, ein Hoffnungszeichen auf dem Weg zur Beendigung der politischen Gewalt. Jene Fraktionen, die früher extrem rechte Gruppen und deren Gewalt unterstützt haben, sind heute nicht mehr in illegale Aktivitäten involviert. Sie sind mehr oder weniger hinter Ex-Präsident Álvaro Uribe vereint. Der Konflikt ist also in institutionalisierte Bahnen geleitet worden. Sicherlich besteht immer noch die Gefahr, dass sich Gruppen der Rechten gewaltsam dem Friedensprozess entgegenstellen, aber sie sind nicht mehr so gut organisiert wie in der Vergangenheit. Was sich maßgeblich der Demobilisierung im letzten Jahrzehnt unter Präsident Uribe verdankt. Kolumbien erfährt zudem viel mehr internationale Aufmerksamkeit als früher. Deshalb können zum Beispiel Firmen, nationale und internationale, nicht mehr so einfach mit rechten paramilitärischen Gruppen zusammenarbeiten. Und außerdem positionierte sich früher die Armee mehrheitlich gegen Verhandlungen mit der FARC, während sie heute stärker hinter der Regierung steht. Auch die Gutsbesitzer verfügen nicht mehr über die politische Stärke wie früher, weil die Wirtschaft wesentlich moderner und vielseitiger ist. Sie sind nicht mehr die dominante wirtschaftliche Kraft in den ländlichen Regionen. Zudem sind sie durch die mittlerweile erwiesene Zusammenarbeit mit den Paramilitärs im Volk desavouiert.

Die FARC war oder ist die älteste und stärkste Guerilla in der Welt. In der Geschichte Kolumbiens gab es jedoch eine Vielzahl von bewaffneten Gruppen, die sich dem revolutionärem Kampf verschrieben haben. Welches sind die wichtigsten?

In den 1960er Jahren, nach dem Sieg der kubanischen Revolution gegen die Batista-Diktatur, hatte der bewaffnete Kampf eine weite Strahlkraft in Lateinamerika. In Kolumbien formierten sich damals drei große Guerilla-Gruppen: zum einen Ejercito Liberación Nacional, die Nationale Befreiungsarmee Kolumbiens, kurz ELN, zum anderen die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens , FARC, sowie drittens und etwas später die Movimiento 19 de Abril, die Bewegung 19. April, kurz M-19; deren Name bezog sich auf die Präsidentschaftswahlen am 19. April 1970, wo es zu eklatanten Unregelmäßigkeiten kam.

Was war und ist deren Basis?

Die ELN hatte ihre Basis vor allem unter Studenten in den Städten und im Grenzgebiet zu Venezuela. Sie hatte auch ein stabile Anhängerschaft unter den Bauern in ländlichen Gebieten. Manuel Marulanda, der 2008 verstorbene Anführer der FARC, war selber ein Kaffeebauer. Die FARC radikalisierte sich im Zuge der Auseinandersetzung zwischen Liberalen und Konservativen in Kolumbien. Die M-19 formierte sich in den Städten und war aktiv bis zu den Friedensverhandlungen Ende der 1980er Jahre, die in dem Verfassungsprozess von 1991 mündeten. Übrig geblieben sind also als Guerilla die FARC und die ELN, wobei die FARC die einflussreichere Organisation ist, mit einer bewaffneten Präsenz im gesamten Kolumbien. Mit ihr wurden bereits in den 1980er Jahren Friedensverhandlungen geführt. Damit sie am legalen politischen Leben teilnehmen kann, wurde die Partei Unión Patriotica gegründet. Diese wurde jedoch vom regulären Militär, paramilitärischen Gruppen und Drogenkartellen ausradiert. Ende der 1990er Jahre begann der Friedensprozess von Caguan. Hierfür wurde zur Sicherheit ein Gebiet von der Größe der Schweiz demilitarisiert. Dieser zweite Anlauf verlief auch im Nichts, und die FARC nutzte die demilitarisierte Zone, um sich neu und besser aufzustellen. Seit den 1980er Jahren waren sieben Präsidenten bemüht, den Konflikt irgendwie zu beenden.

Welche Rolle haben die Paramilitärs in dieser Entwicklung gespielt, und durch welche sozialen Gruppen wurden diese unterstützt?

Nun, es gab viele Gruppe aus den verschiedensten Gegenden des Landes. Die meisten Paramilitärs hatten einen Hintergrund im Drogenhandel, aber nicht alle. Da sich die Oberschicht in den ländlichen Gebieten und mittelgroßen Städten durch die Guerilla bedroht fühlte, ständig Entführungen befürchtete, bildeten sie Selbstverteidigungsgruppen, die sogenannten Vigilante-Gruppen. Der Friedensprozess mit der Guerilla in den 1980er Jahren bedrohte das politische Gleichgewicht, den Status quo, in den ländlichen Gebieten, was insbesondere den großen Landbesitzern Sorgen bereitete, die mit den Politikern beider traditioneller Parteien, der Konservativen und Liberalen Partei Kolumbiens, in Klientelnetzwerken verbunden waren, von denen beide Seiten profitierten. Die von den Latifundistas ausgestatteten Vigilanten, die quasi einen staatlich geduldeten oder sogar geförderten Gegenterror ausübten, waren für die Auslöschung der Unión Patriotica verantwortlich. Sie haben deren Kongresskandidaten umgebracht, Menschenrechtsaktivisten und andere politische Opponenten ermordet. Deshalb waren und sind noch heute viele FARC-Angehörige der Meinung, dass man der Regierung in Bogotá nicht trauen könne. Weil sie schon damals nicht die Sicherheit friedenswilliger Guerilleros garantieren konnte. Dazu kommt – und dies ist mittlerweile recht gut dokumentiert -, dass Teile der Armee zusammen mit den Paramilitärs die Verbrechen an politischen Gegnern des Systems begangen haben, unterstützt von US-Konzernen und den USA.

Inwieweit beeinflusst der internationale Drogenhandel den Konflikt in Kolumbien?

Er beeinflusst das gesamte gesellschaftliche Leben. Er hat sich über das ganze Land wie eine Krake ausgebreitet. Die großen Kartellen sitzen in Medellín, Calí, Valle de Cauca, und an der Atlantikküste, von wo aus die Drogen in die ganze Welt verschifft werden. Interessanterweise gab es so etwas wie eine Arbeitsteilung: Die Kokapaste wurde im Süden gewonnen, in Gebieten, die von der FARC kontrolliert werden. Von dort wurde sie in den Norden und an die Küste transportiert. Dort übernahmen dann die Kartelle die Kommerzialisierung der Droge. Auch Teile des staatlichen Handels profitierten vom Drogenhandel und stellten Kapital für die Produktion bereit. Also, das gesamte Land wurde in die Produktion und den Handel von Kokain einbezogen. Es gab und gibt noch etliche sogenannte Bonanzas, Goldgruben. Vor allem die Paramilitärs finanzierten sich aus dem Drogenhandel.

Und die FARC?

Sie profitierte ebenso vom Kokain, aber nicht direkt, sondern indirekt – indem sie auf jedes in ihrem Einflussgebiet produziertes Kilo eine Steuer erhob. Diese »Kriegssteuer« stellte den Großteil ihrer Einnahmen dar, mit der sie ihren militärischen Kampf finanzierte.

Eigentlich ist es doch unschicklich für Freiheitskämpfer, in den Drogenhandel involviert zu sein.

Man muss differenzieren. Es gab einige Kommandeure der Frentes, der Divisionen, die relativ unabhängig vom zentralen Sekretariat der FARC operierten. Sie waren durchaus direkter in den Drogenhandel involviert, sie besteuerten nicht nur die Zwischenhändler, sondern organisierten auch den Transport und den Weiterverkauf. Das ist von der Führung, vom Secretariado del Estado Mayor, nicht bekannt. Kurzum: Die gern kolportierte Behauptung, die FARC sei das größtes Drogenkartell, stimmt nicht. Sie hat nichts gemein mit den verbrecherischen Kartellen in Cali oder Medellin.

Ich möchte gern noch einmal auf die Unión Patriótica zu sprechen. Wäre sie eine echte politische Alternative in der Parteienlandschaft Kolumbiens gewesen?

Ja. Sie war nicht nur die Partei der demobilisierten Kämpfer der FArC- Ihr gehörten auch andere politische Gruppen der kolumbianischen Arbeiterbewegung an, die in den etablierten Parteien keine politische Heimat fanden. Die meisten prominenten Mitglieder der Unión Patriótica, unter ihnen Senatoren, Bürgermeister, Regionalräte etc., wurden – wie schon gesagt – gemeuchelt. Nicht nur durch die Paramilitärs, sondern auch von Kräften des staatlichen Sicherheitsapparats. Die Morde wurden mit der Begründung gerechtfertigt, die Unión Patriótica sei der politische Arm der Guerilla und genauso schlimm wie diese. Der kolumbianischen Rechten ist es gelungen, den Diskurs zu dominieren und alle politischen Organisationen der Linken, politische und soziale, die sich für Demokratisierung engagierten, Gewerkschaftler und Menschenre3chtler, als Büttel der FARC und der ELN zu denunzieren, derenberechtigte Forderungen zu disqualifizieren und sie ins Visier der Todesschwarone zu rücken. Es wured erklärt, dass zum Kamof gegen die Guerilla auch die Ausschaltung der sie unterstützenden Kräfte nötig sei. Die böswilligen Unterstellungen hatten mörderische Folgen. Keiner der ermordeten Politiker der Unión Patriótica hat je an einem Treffen der FARC teilgenommen oder war an Entscheidungen über militärische Aktionen beteiligt. Sie teilten mit der FGARC nur die Forderung nach sozialen Reformen.

aus: Neues Deutschland, 22.10.2016