Konzept „Austausch ist keine Einbahnstrasse“ – intercambio 2

Der Arbeitskreis Internationalismus der IG Metall Verwaltungsstelle Berlin setzt sich zusammen aus abhängig Beschäftigten, StudentInnen, Auszubildenden und Arbeitslosen verschiedenen Alters. Aus einer IGM-Jugendarbeitsgruppe heraus gründeten wir 1993 diesen Arbeitskreis, um die Internationalismus-Arbeit über den gewerkschaftlichen Jugendbereich hinaus in der Gesamtorganisation zu integrieren. Viele von uns beschäftigen sich schon seit über 10 Jahren in verschiedener Weise mit dem Thema „Internationale Solidarität“. Wir arbeiten innerhalb der IG Metall, weil wir wollen, dass gerade in Gewerkschaften mehr inhaltliche Auseinandersetzung über internationale Zusammenhänge und den Nord-Süd-Konflikt stattfindet und Strategien gegen das wachsende Nord-Süd-Gefälle entwickelt werden.

Solidarität – was ist das?

Seit 1985 entsendet die IG Metall-Jugend regelmäßig Arbeitsbrigaden nach Nicaragua, um dort vor Ort die Verhältnisse und die Notwendigkeit internationaler Solidarität kennenzulernen. In diesen 13 Jahren kontinuierlicher Solidaritätsarbeit hat sich unser Solidaritätsverständnis beständig weiterentwickelt. War unsere Arbeit anfangs gekennzeichnet von hauptsächlich materieller Hilfe (z. B. Spendensammlungen, Reparatur von Bussen, Druckluftleitungen usw.) so stehen inzwischen inhaltliche Diskussionen und gleichberechtigter Austausch im Vordergrund. Solidarität ist keine Einbahnstraße, bei der die Begüterten und politisch „Fortgeschrittenen“ den weniger Begüterten und „Zurückgebliebenen“ helfen müssen, den Zug in den Fortschritt nicht zu verpassen. Von unseren PartnerInnen im Süden haben wir inzwischen (wieder) gelernt, was authentische politische und Gewerkschaftsarbeit ist, die auf persönlicher Überzeugung und auf direkter Mitwirkung der Beteiligten beruht und sich nicht wie so oft bei uns zur „Stellvertreterkultur eines Rechtsanwaltsbüros entwickelt hat.

Frauen-Solidaritätsarbeit

Insbesondere bei der Durchführung eines eigenständigen Frauen-Bildungsprojektes im Rahmen der IGM-Jugend-Solidaritätsarbeit Anfang der 90er Jahre war die inhaltliche Zusammenarbeit ein Zeichen höherer Qualität. Daraus entwickelte sich eine kontinuierliche Frauen-Solidaritätsarbeit.

Zwei Frauen-Brigaden der IGM- Jugend flogen 1994 und 95 nach Nicaragua. Inzwischen gibt es auf regionaler Ebene eine gute Zusammenarbeit mit dem movimiento de mujeres trabajadoras y desempleadas „Maria Elena Cuadra“ (Bewegung der arbeitenden und arbeitslosen Frauen), in dem auch Gewerkschaftsfrauen mitarbeiten.

Speziell zwischen dem movimiento in León und unserem Berliner Arbeitskreis hat sich über Jahre auf persönlicher Ebene und durch Briefwechsel eine kontinuierliche inhaltliche Diskussion entwickelt.

Austausch ist keine Einbahnstraße

Vor diesem Hintergrund lud der AK Internationalismus für den September 1997 sechs Frauen des movimiento de mujeres trabajadoras y desempleadas „Maria Elena Cuadra“ (MEC) nach Berlin ein. An diesem Projekt waren ebenso interessierte Frauen anderer Einzelgewerkschaften beteiligt.

Der Besuch der Frauen sollte dazu dienen, die bisherigen Kontakte zu vertiefen, die inhaltliche Diskussion mit ihnen fortzusetzen und bei vielen Menschen hier mehr Einsicht in die Notwendigkeit des Umverteilens zu schaffen. Die Nicaraguanerinnen sollten endlich die Möglichkeit bekommen, ein sogenanntes entwickeltes Land aus eigener Erfahrung kennenzulernen. Dieser Besuch war ein Teil eines langfristigen Austauschprogramms.

Drei Wochen ihres Aufenthaltes in Deutschland verbrachten die Frauen in Berlin. Sie wohnten in unseren Familien und Wohngemeinschaften, nahmen an unserem normalen Alltag teil und lernten verschiedene Betriebe und Frauenprojekte in Berlin kennen. Viele Menschen in Berlin, vor allem Frauen, haben die Gelegenheit genutzt, die Frauen aus Nicaragua und ihre Probleme und Sichtweisen kennenzulernen. Teilweise entstanden spontane intensive Kontakte, die bis heute fortgeführt werden.

Gemeinsames Seminar

Besonders intensive inhaltliche Auseinandersetzung fand auf einem Wochenseminar in der DGB-Jugendbildungsstätte „Flecken Zechlin“ statt, auf dem wir unsere gemeinsamen Arbeitsschwerpunkte weiterentwickelten.

Die wichtigsten Themen, zu denen wir diskutierten, waren:

  • Frauen in Männerorganisationen
  • Was bedeutet „Solidarität“?
  • Bewältigung des Alltags unter verschiedenen Bedingungen
  • Gemeinsame Strategien zur Frauenpolitik in Nord und Süd, bei Kündigungen, zum Thema „maquilas“ usw. Diese Themen beschäftigen sowohl die MEC-Frauen in León als auch uns in Berlin.

Unsere Weiterarbeit hier

Nach Rückkehr der Frauen folgten weitere arbeitsintensive Wochen und Monate:

  • Ein reger Briefwechsel begann.
  • Über die vier Septemberwochen erarbeiteten wir eine Dokumentation, die bereits zum Internationalen Frauentag am 8. März 1998 vorlag.
  • Gemeinsam mit dem Ortsfrauenausschuß der IGM-Verwaltungsstelle Berlin entwickelten wir eine Kampagne zur Unterstützung der Bildungsseminare des MEC (Thema Verfassungsrecht), die anlässlich des Internationalen Frauentages in Berliner Betrieben und auf verschiedenen bezirklichen und örtlichen Veranstaltungen stattfand.
  • Aus Solidarität mit allen deutschen Frauen übernahmen die Freundinnen in León das diesjährige DGB-Frauentagsmotto „So wollen Frauen leben: gleichbezahlt, selbstbestimmt, sozial abgesichert, gleichberechtigt!“
  • Selbstverständlich waren wir, wie stets, am 1. Mai präsent, um aktuelle Informationen an Kolleginnen und Kollegen weiterzugeben.
  • Wir beschäftigten uns inhaltlich mit dem „MAI“ und machten dazu zwei öffentliche Veranstaltungen.
  • Wir führten ein Wochenendseminar zum Thema „Solidarität“ durch.

Zwischenbilanz

Im Juni zogen wir ausführlich Zwischenbilanz: wir schauten zurück auf viele gute Erfahrungen, interessante Erlebnisse, spannende Diskussionen und zufriedenstellende Zusammenarbeit.

Es wird immer deutlicher, dass ein Sich-Treffen und gemeinsame Gespräche notwendig sind, um den Austausch fortzusetzen und weiterzuentwickeln, damit wir gemeinsame Perspektiven erarbeiten können. Deshalb ist es notwendig, dass im Sommer 1999 eine Gruppe Berliner Multiplikatorinnen (Frauen aus versch. DGB-Gewerkschaften, versch. Betrieben, tätig in der gewerksch. Bildungsarbeit, der Berufsbildung usw.) die Frauen des MEC in León besucht.

Warum nach León?

  • In León wollen wir uns auf die Lebens- und Arbeitsverhältnisse unserer nicaraguanischen Freundinnen einlassen.
  • Wir wollen ihre Probleme direkt kennenlernen und aus ihren Kämpfen z. B. in den maquilas oder gegen die neoliberale Regierungspolitik für unsere Arbeit lernen.
  • Spannend für uns ist es, wie das MEC die Frauen organisiert und mobilisiert.
  • Diskussionen über die weltweite neoliberale Rückwärtspolitik und die Möglichkeiten zur Verhinderung des MAI sind dringend notwendig.
  • Ein gemeinsames Seminar soll die Möglichkeit geben, Positionen zu vergleichen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten und weitergehende gemeinsame Strategien zu entwickeln.

Folgende Ideen zur Realisierung haben wir bereits entwickelt:

  • Antrag von Bildungsurlaub nach dem Berliner Bildungsurlaubsgesetz über Arbeit und Leben Berlin.
  • Zeitraum: Berliner Sommerferien (Juli/August 1999)
  • Suche nach finanzieller Unterstützung (Übersetzerinnen, anteilige Flugkosten, Transport im Land, gemeinsames Seminar mit den MEC-Frauen)
  • Weitere Programmschwerpunkte: Frauenbewegung in Nicaragua, informeller Sektor, ökologischer Landbau, Gewerkschaften.

Da wir spezifische inhaltliche Bedürfnisse, Interessen und Ausrichtungen haben, die sich vom Anspruch z. B. der Städtepartnerschaften unterscheiden, organisieren wir unsere Reise selbst. Das ist für uns kein Problem, weil wir im Lauf der Jahre vielfältige Erfahrungen gesammelt haben.

*Aus unserer Erfahrung sind zwei Übersetzerinnen notwendig. Sie sollen den Flug und Aufenthalt finanziert bekommen und einen „Lohn“ von DM 1000,00 erhalten. Wir werden versuchen, eine in Nicaragua lebende Frau als Übersetzerin zu engagieren, um so Flugkosten zu sparen.

+Es handelt sich um ein Wochenseminar mit den nicaraguanischen Frauen. Wir rechnen mit ca. 20 Teilnehmerinnen.

#Für unsere Planung haben wir festgelegt, dass der Teilnehmerinnenbeitrag für Vollverdienende 2000,00 DM beträgt und für Studentinnen, Arbeitslose usw. 1000,00 DM.

Berlin, im Oktober 1998

 

Ergänzung zum Konzept

„Austausch ist keine Einbahnstraße – intercambio 2“

Nicaragua ist von den Folgen des Hurrikan „Mitch“ schwer betroffen. Auch unsere Partnerinnen in León und ihre Familien haben erhebliche menschliche und materielle Verluste hinnehmen müssen.

Aktuelle Aufgaben

In ihren Berichten nennen die Frauen bezüglich der Auswirkungen des Hurrikan „Mitch“ als vordringlichste Maßnahme und Aufgabe die psychosoziale Betreuung der Überlebenden. Menschen haben z. B. viele Menschen sterben sehen, ihre ganze Familie verloren oder stehen völlig mittellos da.

Durch die massiven Regenfälle und Erdrutsche wurden große Landwirtschafts- und Vegetationsflächen zerstört. Deswegen wird es in der nächsten Zeit verstärkt zur Aufgabe des MEC gehören, Aufforstung, Landbau und Rekultivierung zu unterstützen.

Ein Arbeitsschwerpunkt in ihrer Frauenarbeit war es bis jetzt, Schulungen über die Rechte in der Verfassung (besonders für Frauen und Familien) durchzuführen. Die Nichtvorkehrungen“ der Regierung haben deutlich gemacht, wie wichtig es ist, dass die Bevölkerung ihre Rechte aus der Verfassung kennt. So kann sie auf die Politik der Regierung Einfluss nehmen, was sich in Notsituationen als besonders wichtig erweist. Diese Arbeit haben wir immer unterstützt (auch finanziell) und werden dies auch in Zukunft tun.

Unsere Frauengruppe in Berlin hat die neue Situation ausführlich diskutiert. Wir haben den Frauen in León vorgeschlagen, unsere Reise auf das Jahr 2000 zu verschieben.

Diese Idee ist von ihnen mit folgender Begründung zurückgewiesen worden:

Vorschlag aus León

Gerade in der neuen schwierigen Situation sei es für das MEC in León von großer Bedeutung, internationale Solidarität zu erhalten, nicht nur materiell, sondern auch persönlich. Natürlich müssten wir bei unserem Besuch dort einige Programmänderungen vornehmen.

So sei es sehr sinnvoll, in verschiedenen Bereichen in und um León an landwirtschaftlichen und baulichen Wiederaufbauarbeiten teilzunehmen. Dazu würde auch im Sommer 1999 noch jede Hand gebraucht werden. Auch so könnten wir den aktuellen Alltag der dort lebenden Frauen kennenlernen und die Arbeit des MEC vor Ort unterstützen.

Ein inhaltlicher Austausch zwischen uns und dem MEC León solle auch stattfinden. Statt eines Wochenseminars sei eine dreitägige Arbeitstagung in León vorstellbar.

Politische und Informationsgespräche mit verschiedenen Organisationen müssten ebenfalls geführt werden, allerdings in einem geringeren Umfang als bisher geplant.

Reise im Sommer 1999

Dieser Diskussionsstand in León hat uns in Berlin dazu bewogen, unsere Reisepläne für 1999 doch aufrecht zu halten und mit unseren Vorbereitungen weiterzumachen.

Berlin, im November 1998