Marikana als Wendepunkt?

Neue Arbeitskämpfe gegen (post-)koloniale Verhältnisse – staatliche Gewalt und die Perspektiven des Widerstands in Südafrika

Die Bilder aus Südafrika, die vor fast eineinhalb Jahren um die Welt gingen, sind wieder in Vergessenheit geraten: Mehr als eine Minute schossen Polizisten am Rande des Orts Marikana mit automatischen Waffen in eine Menschenmenge. In dem Kugelhagel starben 34 streikende Bergleute. Sie waren zusammen mit tausenden weiteren Arbeitern eine Woche zuvor in einer Platinmine, die zum britisch-südafrikanischen Lonmin-Konzern gehört, in einen wilden Streik getreten.

Die Arbeitsbedingungen in den Minen haben sich seit dem Ende der Apartheid und ANC-Verzicht auf jegliche Form von Verstaatlichung der Schlüsselindustrien kaum verbessert. Tödliche Arbeitsunfälle sind häufig, bei einem Monatslohn von umgerechnet 400 Euro sind die Arbeitstage vielfach bis zu 14 Stunden lang. Viele der Bergleute leben am Rande der Minen in Wellblechsiedlungen ohne regulären Zugang zu Strom und Wasser.

Nach dem Massaker an streikenden Minenarbeitern ist die Streikwelle auf viele Minen und andere Branchen übergeschlagen. Dies hat den Konflikt zwischen der alteingesessenen National Union of Mineworkers (NUM), die auch im Gewerkschaftsdachverband COSATU tonangebend ist, und der neu entstandenen Association of Mineworkers and Construction Union (AMCU) weiter angefeuert.

Nicht nur das Ereignis selbst weckt Erinnerungen an die Massaker des Apartheid-Staates, sondern auch die Reaktion der Polizeiführung und der Verantwortlichen. Diese verdeutlichten, wie unverhohlen der Klassencharakter des neuen Südafrika zu Tage treten kann.

Bei der Abendveranstaltung wird die Frage thematisiert, ob sich in Südafrika eine neue Kultur der Straflosigkeit bei Verbrechen gegen die Armen und Ausgebeuteten etabliert. Daneben wird der Rolle der Gewerkschaften, der Verantwortung internationaler Rohstoff-Konzerne und der Bedeutung der Untersuchungskommission zu den Ereignissen nachgegangen.

Inwiefern Marikana als ein Wendepunkt für einen neuen Aufschwung von Arbeitskämpfen gelten kann, in dem die uneingelösten sozialen Versprechen des antikolonialen Befreiungskampfs erneut auf die Tagesordnung gesetzt werden, wird zentraler Gegenstand der Veranstaltung sein.
Sonntag, 1. Dezember 2013, 18 Uhr

Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin

Mit Charles Abrahams, Rechtsanwalt aus Kapstadt, juristischer Vertreter der Apartheid-Opfer bei der Entschädigungsklage gegen internationale Konzerne und Mametlwe Sebei, Johannesburg, Aktivist der Workers and Socialist Party (WASP), die die Minenarbeiter in ihrem Kampf unterstützt und vernetzt

Eine Veranstaltung des Bildungswerks Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit dem Arbeitskreis Internationalismus der IG Metall Berlin