Nestlé in Erklärungsnot

Protestmail des AKI an den Nestle-Manager Paul Bulcke

Sehr geehrter Herr Bulcke,

Ende September 2010 hatte ich einen Mailkontakt mit ihren Kollegen Hartmut Grahmann und Achim Drews. Ich hatte mich in einem Protestschreiben an Herrn Grahmann gewandt, weil Kollegen der kolumbianischen Lebensmittelgewerkschaft Sinaltrainal uns darüber unterrichtet hatten, dass sie von Paramilitärs in direktem zeitlichen Zusammenhang mit Tarifverhandlungen, die Sinaltrainal mit Ihrer Unternehmenstochter führte, mit dem Tode bedroht wurden. Die beiden Manager antworteten mir damals:

„Wir haben Ihre Nachricht zu Drohungen gegen Gewerkschaftsfunktionäre in Kolumbien mit Sorge zur Kenntnis genommen. Ein gutes und konstruktives Verhältnis zu den Vertretern der Arbeitnehmern ist unserem Unternehmen ein wichtiges Anliegen, und selbstverständlich respektiert Nestlé – ob in Deutschland oder anderen Ländern, in denen unser Unternehmen vertreten ist – die Rechte der Arbeitnehmer. Aufgrund Ihrer Vorwürfe haben wir eine Klärung vor Ort veranlasst. In der Sache können wir, nach Rücksprache mit der Konzernleitung und den Verantwortlichen in Kolumbien, gerne Stellung nehmen. Da wir als Vertreter der deutschen Landesgesellschaft hier in erster Linie eine Mittlerrolle haben, möchten wir Ihnen die Rückmeldung zu Ihrem Schreiben gerne im englischen Wortlaut an die Hand geben:

Nestlé categorically condemns any act of violence or threats against our direct or indirect employees, their families or communities in which we are present. When Nestlé Colombia learned about the threats against our workers in Bugalagrande, they immediately notified the competent authorities both at local and national level and contacted the Sinaltrainal trade union and the concerned workers to engage in measures to guarantee their physical integrity. Furthermore, we communicated our complete refutal of such violent acts to all employees and expressed the company’s strong support to the workers, their families and the population of the Bugalagrande region.“

Nun ist das eingetreten, was wir befürchteten, und für dessen Eintreten sie keine Verantwortung übernehmen wollten. Jetzt ist ein Repräsentant der Gewerkschaft ermordet worden. Und dieser Mord steht in einem direkten zeitlichen und inhaltlichen Zusammenhang mit dem Hungerstreik, den Mitglieder der Sinaltrainal führen, damit ein Geamtarbeitsvertrag, der mit Nestle zustandekam, auch eingehalten wird. Zu dieser Maßnahme griffen die Gewerkschaftsmitglieder, weil Nestle die Gespräche verweigerte. Wegen Morddrohungen in Bugalagrande gegen die Teilnehmer dieser Aktion wurde der Hungerstreik ausgesetzt und dann nach einigen Tagen fortgesetzt.

Jetzt haben die Todesschwadronen Ernst gemacht. Am Samstag den 9. November, wurde in der Stadt Bugalagrande in Kolumbien um 20:30 OSCAR LÓPEZ TRIVIÑO mit 4 Schüssen ermordet. Er war seit 25 Jahren Arbeiter bei der Firma NESTLÉ und Mitglied der Lebensmittelgewerkschaft SINALTRAINAL.

Am Freitag, dem 8. November um 16:42 Uhr, wurde eine SMS vom Handy mit der Nummer 3145550150 an die Gewerkschaftsaktivisten JOSE ONOFRE ESQUIVEL und ALVARO VARELA PÉREZ abgeschickt. Sie enthielt folgenden Wortlaut: „Guerilleros Hurensöhne die ihr NESTLÉ belästigt es gibt kein Pardon wir zerstückeln euch Tod allen Kommunisten von SINALTRAINAL Urabeños“ . Am 28. April 2013 hatten die gleichen Paramilitärs die Drohung ausgesprochen: „Vernichtungserklärung. Guerilleros Missgeburten, Hurensöhne macht weiter damit, euch in SINALTRAINAL dem ideologischen Arm der Subversion zu tarnen. Die Proteste in der Firma NESTLÉ in Bugalagrande teilen wir nicht wie auch nicht die schlechte Behandlung der Firmenchefs und die konstante Verleumdung einer guten Firma die soziale Entwicklung bietet… von den Urbanen Kommandos der Rastrojos“.

Wer informiert diese Leute über die laufenden Konflikte in Ihrer kolumbianischen Niederlassung? Wie erklärt sich, dass diese Killer sich so für Ihr Unternehmen engagieren? Was haben sie davon, oder sollte man lieber fragen: Was bekommen sie dafür? Warum können sie sich hier ungestraft und unwidersprochen zu Anwälten Ihrer Firma machen?

Wir haben keine Lust mehr, uns mit Auszüge aus Ihren Unternehmenscodizes abspeisen zu lassen. Wir fordern Sie auf, im Kraft ihres Amtes als CEO darauf hinzuwirken, dass in Kolumbien eine Presseerklärung verteilt wird, in der Ihr Unternehmen klarstellt, dass Sie diese Paramilitärs verurteilen und ihnen absprechen, im Namen der Firma zu agieren. Auch sollten sie öffentlichwirksam die kolumbianischen Behörden auffordern, alles zu tun, die Täter zu ergreifen und hierfür ihre Hilfe anbieten. Davon hätten wir dann gerne eine Kopie.

Darüber hinaus möchten wir von Ihnen wissen, was Sie zu tun gedenken, in Zukunft ein Klima der Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft zu schaffen, das diese nicht mehr dazu veranlassen kann, zum angeblichen Wohl Ihres Unternehmens Menschen zu erschießen.

In großer Sorge und der Hoffnung, dass sich endlich etwas ändert

Berlin, 12. November 2013

Jochen Gester
(Arbeitskreis Internationalismus der IG Metall Berlin)