„Noch nichts angekommen …“

Die Situation der schwer an CoVi-19-Erkrankten schleicht sich langsam aus den Medien. Der Drang nach „Normalität“ steht nun im Zentrum. Dazu gehört auch das überschwängliche Loblied auf das deutsche Gesundheitswesen, das so viel besser sei als jenseits der Grenzen. Man ahnt, dass hier schon die der ideologische Nährboden gepflanzt dafür wird, nach Ende der Pandemie nichts ändern zu müssen.

Da ist es wohltuend, wenn aus der Pflege heraus, daran erinnert wird, wie untragbar die Sitiuation nach wie vor ist. Wir zitieren deshalb hier aus einem Bericht, den Ricardo Lange, Pfleger im Berliner Urban-Krankenhaus dazu verfasst hat:

Der Bonus von Spahn ist nicht angekommen

Aber auch, was die Politik betrifft, ist eingetreten, was ich befürchtet hatte. Weil wir in Deutschland die Pandemie – glücklicherweise – ganz gut im Griff haben, wird in den Talkshows nicht mehr über Pflege debattiert.

Jens Spahns Versprechungen eines „Corona-Bonus“ haben nur einen Teil der „Alltagshelden“ erreicht, die ambulanten und Altenpflegenden, die es natürlich verdienen.

Bei mir und meinen Kolleginnen und Kollegen auf der Intensivstation jedoch ist noch nichts angekommen, und das, obwohl wir zu denen gehören, die seit Wochen in engstem Kontakt mit Covid-19- Patienten stehen. Elf Prozent aller in Deutschland mit dem Virus Infizierten arbeiten in medizinischen Berufen – wir sind nach wie vor einem besonderen Risiko ausgesetzt.

Unsere Arbeitsbedingungen haben sich durch das Tragen der (teilweise zunächst unvollständigen) Schutzkleidung außerdem massiv erschwert. Es blieb beim Applaus als Zeichen der Anerkennung.

Bis zu 100.000 Vollzeitstellen fehlen

Meine Wünsche an die Politik haben sich nicht verändert, selbst wenn es hier keine Leichenberge wie in New York oder Bergamo gab. Dass der Pflegenotstand gravierend ist, hat uns doch nicht erst Corona gezeigt.

Verdi geht von 80.000, die Böckler-Stiftung gar von 100.000 Vollzeitstellen aus, die in Kliniken fehlen. Junge Kolleginnen und Kollegen, die bei uns eingearbeitet werden, werfen oft nach wenigen Wochen das Handtuch, weil ihnen die Arbeitsbedingungen zu hart sind. Und viele meiner Kollegen sind bereits älter und gehen bald in Rente, wer kommt nach?

Ich kenne Intensivpfleger, die wegen eines ungeschützten Kontakts zu einem Covid-19-Patienten in Quarantäne mussten, daheim laut Gesundheitsamt nicht mal den Müll ohne Androhung von Bußgeldstrafen runterbringen durften – aber trotzdem zur Arbeit mussten (mit dem Risiko eh schon geschwächte Patienten anzustecken). Mit welcher Begründung? Natürlich, Personalmangel!

Der Staat unterstützt die Lufthansa mit neun Milliarden, der Autoindustrie soll eine Neukaufprämie helfen. Und uns?

Rentenalter sollte gesenkt werden

Ich wünsche mir, dass das Rentenalter für Pflegekräfte in Schichtarbeit herabgesetzt wird. 67 ist zu spät – wir haben schon so viel Lebenszeit verloren.

Ich wünsche mir eine bessere Bezahlung für die Stammbelegschaft an den Kliniken: Wer Schicht arbeitet und die Verantwortung für Menschenleben trägt, sollte, Zuschläge inklusive, 3000 Euro netto verdienen.

Außerdem wünsche ich mir, dass Jens Spahn richtige Personaluntergrenzen einführt. Wegen Corona wurden sie ja nun gelockert, aber auch davor passten sie nicht zur Realität: Man betrachtete sie als Durchschnittswerte, und so kam es, dass ich in manchen Schichten doch wieder vier Patienten intensivpflegerisch zu betreuen hatte – statt maximal 2,5 Patienten pro Pflegekraft in der Tagschicht und 3,5 Patienten pro Pflegekraft in der Nachtschicht. Das macht einen gewaltigen Unterschied!

Wir brauchen eine klare Festlegung in absoluten Zahlen. Also: Maximal zwei Patienten pro Pfleger in der Tag- und drei pro Pfleger in der Nachtschicht. Zumal ein paar Krankenhäuser die Unter- als Obergrenzen verstanden und sogar Personal reduzierten.“

(„Kann man unsere Arbeit noch mehr verhöhnen?“ aus: Der Tagesspiegel, 3.6.2020)