NSU-Prozess in München: „Oberflächlicher Hausputz“

Das Beeindruckendste am Prozess gegen den NSU in München ist immer wieder der Auftritt der Opfer-Hinterbliebenden und ihrer Anwälte. Hier ist eine ungewöhnliche menschliche Größe zu entdecken. Aber auch treffende Charakterisierungen des Prozessverlauf. In der SZ von heute, 9.1.2018, schreiben die Journalistinnen Annette Ramelsberger und Wiebke Ramm:

„Sie haben ihm vergeben. Dem Mann, der dem NSU die Waffe gebracht hat, mit der später ihr Mann und Vater erschossen worden ist. Jenem Mann, der damals erst 20 war, überzeugt rechtsradikal und so stolz darauf, mit den untergetauchten rechten Legenden Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Kontakt haben zu dürfen, dass er ihnen bedenkenlos auch eine Waffe  brachte.

Es ist der letzte Tag der Nebenklageplädoyers im NSU-Prozess, und dieser Tag zeigt noch einmal, was alles möglich ist in diesem Verfahren: menschliche Abgründe und menschliche Größe. Die Frau von Theodoros Boulgarides steht da und spricht. Die Frau, deren Mann vom NSU im Juni 2005 im Münchner Westend erschossen worden ist. In seinem Schlüsseldienst-Laden. Sie und ihre beiden Töchter haben sich mit dem Angeklagten Carsten S. getroffen. Sie haben miteinander geredet, außerhalb des Gerichtssaals, und Carsten S. hat sehr geweint. „Es war der schwierigste, aber auch der emotionalste Moment in unserem Leben“, sagt Yvonne  Boulgarides.

Carsten S. sitzt auf der Anklagebank und saugt jedes Wort dieser Frau auf. Die Witwe sagt: „Herrn S. haben wir in diesem Gespräch als einen Menschen erlebt, der sein Mitwirken zutiefst bereute und dem das eigene Gewissen bereits den größten Teil seiner Strafe auferlegt hat.“ Carsten S. sei jemand, der über ein Unrechtsbewusstsein verfüge und der zur Reue fähig sei. „Eigenschaften, die wir bei den anderen Angeklagten in all der Zeit beim besten Willen nicht ausmachen konnten.“ Die Witwe wendet sich an das Gericht. „Wir wünschen uns, dass ihm sein Strafmaß die Möglichkeit gibt, sein Leben in positivere Bahnen zu lenken.“ Hinter der Witwe sitzen die beiden Töchter. Sie waren 15 und 18, als ihr Vater ermordet  wurde.

Doch Yvonne Boulgarides ist nicht nur milde. Sie geht mit den Ermittlern, den Staatsanwälten, dem Verfassungsschutz hart ins Gericht. Warum wurde ihr Mann als Menschenschmuggler und Drogenhändler verdächtigt? Warum werden die Leute geschützt, die beim Verfassungsschutz Akten geschreddert haben? „Wie viele Opfer wären uns erspart geblieben, wenn die beauftragten Staatsorgane ihre Arbeit ehrenhaft und pflichtbewusst erledigt hätten?“, fragt die Frau. „Wo sind all die, die durch ihr fahrlässiges oder vorsätzliches Handeln diese Verbrechen ermöglicht  haben?“

Und dann bricht ihr die Stimme: „Ich weiß, dass mein Mann gern gesehen hätte, wie seine kleinen Töchter zu Frauen herangewachsen sind.“ Sie schluckt und stockt. „Wie gern er seine Mädchen zum Traualtar geführt hätte oder wie stolz er gewesen wäre, als seine Enkeltochter geboren wurde.“ Sie werde oft gefragt, wie sie zu diesem Prozess stehe. Und sie sagt dann etwas sehr Eingängiges: „Er ähnelt für mich einem oberflächlichen Hausputz. Um der Gründlichkeit genüge zu tun, hätte man die Teppiche aufheben müssen, unter welche bereits so vieles gekehrt  wurde.“

Ihr Anwalt Yavuz Narin bedankte sich bei seiner Mandantin und den Töchtern. „Ihr habt mehr Rückgrat und Größe bewiesen als alle Angeklagten und Zeugen zusammen. Rückgrat und Größe – das haben wir in der Verhandlung vermisst. Gesehen haben wir hingegen Zeugen, die sich vor ihrer Verantwortung wegducken. Menschen ohne Rückgrat, Feiglinge und Schreibtischtäter.“ Und dann appellierte er an das Gericht, in seinem Urteil zu sagen, was alles nicht aufgeklärt werden konnte in diesem Prozess. „Haben Sie den Mut, nicht so zu tun, als sei alles in Ordnung. Sprechen Sie ein Urteil, das nicht nur in der Revision, sondern auch vor der Geschichte Bestand  hat.“