Upps … Nur nicht das Gesicht verlieren

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Im klassischen chinesischen Theater trugen die Schauspieler Masken, die ihre Rollen verdeutlichten. So konnten die Zuschauer erkennen, wer der Choleriker, der Verliebte, der Eifersüchtige war. Das Innere Ich des Darstellers interessierte dabei nicht. Dieser Tradition entnahm Karl Marx den Begriff der „Charaktermaske“. Damit meinte er: Sobald wir in ökonomischen Verhältnissen stehen, tragen wir eine Larve – man spricht gern auch von „Funktionsträgern“ -, die unsere subjektiven Regungen verbirgt. Daran werden die Manager in der chinesischen Stadt Handan gedacht haben, als sie jetzt den Dienstag zum „gesichtslosen Tag“ erklärten und ihre Angestellten aufforderten, am Arbeitsplatz schwarz-weiße Masken zu tragen, die einem japanischen Film mit dem passenden Titel Spirited away entliehen sind.

Einmal in der Woche müssen die abhängig Beschäftigten nun nicht mehr verkrampft ihre Kunden und Chefs anlächeln, das tun die Masken für sie. Sie können Ausdrücke von Müdigkeit und schlechter Laune zulassen – ohne Angst, ihr Gesicht zu verlieren. Die Maßnahme ist alles andere als eine PR-Spielerei. Es geht darum, eine Plage zu bekämpfen, die laut chinesischem Rundfunk Tag für Tag 1.600 Sterbefälle verursacht: Guolaosi, Tod durch Überarbeitung. Menschen, die kerngesund waren, sterben infolge von Stress und Überstunden an Erschöpfung, Blutungen oder Herzversagen. Bis vor kurzem wurden sie noch als Helden der Arbeit gepriesen, die sich „für Volk und Partei“ selbstlos geopfert hatten. Nun hat das Ausmaß der Epidemie wirtschaftliche Konsequenzen. Vor allem haben die Betroffenen angefangen, gegen die tödlichen Arbeitsverhältnisse mit Streiks und der Gründung inoffizieller Gewerkschaften zu reagieren. Das Maskenexperiment soll die gefährliche Lage entspannen. Es bleibt abzuwarten, ob die Strategie nicht in ihr Gegenteil umschlagen wird. Denkbar wäre, dass die Beschäftigten so mutig werden, hinter ihren Masken ihre Wünsche und Forderungen offen auszusprechen. Getreu nach Oscar Wilde: „Der Mensch ist am wenigsten er selbst, wenn er für sich selbst spricht. Gib ihm eine Maske, und er wird dir die Wahrheit sagen.“

Guillaume Paoli

Quelle: ver.di-Publik