AKP-Regierung will den kritischen Geist an den Schulen ersticken

Sakine Esen Yilmaz, Kurdin, Alevitin und Frauensekretärin einer Bildungsgewerkschaft in der Türkei, berichtet in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung über neue Disziplinarmaßnahmen der Erdogan-Regierung, die sich auch direkt gegen die gewerkschaftliche Betätigung der Beschäftigten im Lande richtet.

Yilmaz: „Ich habe gerade erfahren, dass eine große Zwangsversetzungswelle gegen aktive Mitglieder meiner Gewerkschaft Eğitim Sen geplant ist. Die Lehrer sollen in andere Städte versetzt werden, nicht ein paar Kilometer weiter, sondern 1500 Kilometer weiter in fundamentalistisch-religiöse Kommunen. Es wird berichtet, dass das 4500 bis 5000 Lehrer betreffen soll.“

Auch die Möglichkeit der Lehrer, die Schülerinnen und Schüler zu eigenständigem Denken zu befähigen wird eingeschränkt: „Es gab schon immer Probleme an den Schulen. Der islamische Religionsunterricht war auch für andersgläubige Schüler verpflichtend, muttersprachlicher Unterricht fand nicht statt. Die AKP hat in ihrer Amtszeit seit 2002 versucht, in allen Schulbehörden an Macht zu gewinnen. Dennoch konnten wir Gewerkschafter unsere Themen in den Schulen diskutieren und Proteste organisieren. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Die Kinder werden jetzt in einer geraden Linie islamischen Denkens unterrichtet. Normal wäre, sie zu eigenständiger Beteiligung und kritischen Fragen zu erziehen.“

Die Entlassungen an den Schulen verschärfen den Personalmangel. Bei neu eingestellten Lehrer werden vor allem solche mit rechter Gesinnung bevorzugt. Die Gewerkschafterin fügte hinzu: „Und wer nicht ultrarechts denkt, tut eben so, damit er eine Stelle kriegt. Eine befristete. Früher waren die Stellen unbefristet, jetzt kann man leicht wieder entlassen werden.“  (SZ, 22.5.2017)