Als ick mich in die Zukunftsdebatte einbringen wollte – ein Hilfeschrei

Anjefangen hat allet mit dem „Fragebogen für die Zukunftsdebatte“.

Ick hatte ja vorher schon drüber wat munkeln hören. Ihr müsst wissen, ick bin Vertrauensfrau und da kriegt man oft schon eher wat mit, als so janz normale Jewerkschaftsmitglieder.

Ick rekapituliere jetzt mal (so zeitsprungmäßig):

„Mehr Erkennen beschreibt den Ansatz, dass die Zukunftsdebatte mit offenen Fragen gestartet wurde.“, heißt det im „Zukunftsreport“. Welche offenen Fragen?

Zusammen mit meener Kollejin saß ick bei ner Tasse Kaffee in der Kantine und wir versuchten, unsere Fragebogen auszufüllen. Aber schon an der ersten Frage sind wir jescheitert, muss ick ehrlich zujeben. Da heißt det nähmlich:

Wie wichtig sind ihnen persönlich die folgenden Aufgaben der Gewerkschaften?

Sicherung der Arbeitsplätze usw.

Wir waren uns nicht sicher, welche Arbeitsplätze jemeint waren. Die Metall-Rüstungsarbeitsplätze, wo auch Landminen hergestellt werden?

Na wir haben unser bestes jejeben, bzw. anjekreuzt (notfalls ´weiss nicht`),aber janz wohl war uns nicht bei der Sache.

Und da zeigt sich och schon det problematische an diesem Fragebogen. Er hatte keine visionäre Zielrichtung. Det macht sich auch daran bemerkbar, det keene Erjänzungs- oder Anmerkungsspalten einjefügt waren.

Et jing eher darum, herauszufinden, wofür/wojegen sich die KollejInnen innerhalb dieser Misere entscheiden und nich darum, Vorschläge zur Behebung dieser einzubringen. Logisch, det die KollejInnen erstmal den Erhalt ihret Arbeitsplatzes für det Wichtigste halten, statt eine Arbeitszeitverkürzung zu fordern. Vorher wurde jedoch nich mal die Debatte um Arbeitszeitverkürzung oder um die Frage der künstlichen Aufrechterhaltung det Arbeitsmarktes durch det Arbeitsamt u.a. in der Jewerkschaft breit diskutiert. Weiterhin wird nun auch im Report äußerst zwiespältig suggeriert, det es keene grundlejende Veränderung unserer Arbeitsjesellschaft jibt, sondern lediglich ein Strukturwandel vorliegt (nachzuvollziehen auf den Seiten 15-17). Aber da bin ick schon beim nächsten Punkt.

„Weiter Denken lautet das Motto der zweiten Phase, in der auf Grundlage des Zukunftsreport die Ergebnisse der Erkundungsphase debattiert werden. In einem ´Zukunftsmanifest´, das auf dem Zukunftskongress 2002 präsentiert wird, werden die Ergebnisse dieser zweiten Diskussionsphase festgehalten.“ , und zwar anhand eines ´reportings`, so lt. Zukunftsreport.

Nu jut, dacht ick mir, denn versuch in meine Fragen und Inhalte mal in der Verwaltungsstelle zu diskutieren. Bis uff eene Veranstaltung vom Arbeitskreis Internationalismus „Gewerkschaften und soziale Bewegungen – Stiefschwestern oder strategische Allianz“, konnt ick jedoch von einer breit jeführten Debatte nüscht wahrnehmen. Na ja, und beim AKI arbeite ick ja sowieso mit.

ICK SUCH DIE JANZE ZEIT DIESET ´REPORTING`!!! (und det nicht nur im Wörterbuch)

O. k. –

Mentorenberichte, Literaturberichte im Auftag der Hans-Böckler-Stiftung…ick hab versucht, mich da mal reinzulesen. Hab mir ein paar extra in derVerwaltungsstelle abgeholt. Na, is´n janz schöner Batzen. Irjendwie muß ick ja nebenbei och noch arbeiten jehen. Außerdem weis ja jedeR, det solche Analysen aus unterschiedlicher politischer Sichtweise geschrieben werden, je nachdem, wie der Schreiberling so druff ist. Und irgentwie kommen mir selbst die Statistiken des Zukunftsreports schon so komisch vor.

Z. Bsp. Seite 19: „Wärend der Anteil der erwerbstätigen Frauen der weiblichen Bevölkerung im Osten zwischen 1991 und 2000 von 66,7 auf 57,6 Prozent sank, stieg er im gleichen Zeitraum im Westen von 54,6 auf 57,6 Prozent.“

Statistiken sind dazu da, um hinterfragt zu werden…aber wat wees ick denn schon!? Mein Abteilungsleiter meint och imma, ick soll nich immer allet so hinterfragen, ick soll lieber allet ´aus einer realistischen Sichtweise bewerten`.

ABER: DET HAB ICK DOCH JETAN!!!

Wie ist det Tarifgebaren alle jubel Jahre eigentlich noch vor den eijenen KollejInnen zu rechtfertigen? Wir machen Warnstreiks und seit 85 Jahren wurde sogar in Berlin jestreikt. Mal abjesehen mal davon, dass det immer nur tageweise war, haben wir mit den KollejInnen diskutiert und auch alle Betriebe dicht bekommen. Irgentwie warn wa stolz uff uns und selbst die nichtorjanisierten KollejInnen bekamen nun eine blasse Ahnung davon, wat Jewerkschaften eijentlich für eine Aufgabe haben. Doch wozu? Es wird ein lächerlicher Abschluß verhandelt, der nicht nur unsere Mühen und Kampfbereitschaft spottet, sondern ebenfalls nichtmal den sozialen Mindeststandart der „Erklärung von Doorn 1998“ der Europäischen Jewerkschaften erfüllt. Der Verteilungsspielraum wird auch mit dieser Tarifrunde nich ausjeschöpft, unsere Reallöhne (heute auf dem Stand von 1976) sinken weiter und det in der stärksten Industrienation Europas. Den Frust, der sich bei uns breitmachte kann ick janich schildern. Hoffentlich stimmen die KollejInnen bei der Urabstimmung für Ablehnung.

Weiter muß ick feststellen, det die IG Metall, die über die beträchtliche Anzahl von 300 000 arbeitslosen Mitgliedern verfügt, auch zu diesem Thema keine wirklich kämpferische Position bezieht. Diese Mitglieder dürfen sich in den Arbeitslosenausschüssen abarbeiten, ohne wirkliche (noch nicht mal innerjewerkschaftliche) Aufmerksamkeit zu erreichen. Für den jeringeren Mitgliedsbeitrag bekommen sie wenigstens noch die Beratung.

Wo sind die massiven Proteste vor den wegrationalisierten Werken im janzen Land? Wo arbeiten die Jewerkschaften auch öffentlich wirksam mit sozialen und politischen Orjanisationen und Bündnissen zusammen? Man etabliert im Rahmen der Global-Governance-Strategie, ein ´Bündnis für Arbeit`, det wir mit Lohnenthaltung finanziert haben, wo jedoch keine bedeutenden Erjebnisse am Ende stehen. Umverteilen sollen wieder mal die kleenen Leute. Und det autorisiert durch unsere Jewerkschaftsspitze.

Ach, ick könnt imma so weiter machen. Irgentwie bin ick mächtig unzufrieden mit meiner IG Metall, und nich nur ick, sondern och die meisten meiner KollejInnen. Da können och die allertollsten Umfragen nüscht dran ändern. Det kann ick wohl am allerrealsten beurteilen, schließlich muß ick als Vertrauensfrau den janzen Mist vor Ort rechtfertigen. Wat ick aber nicht mehr tue!

Im Zukunftsreport steht in der Schärfe nüscht darüber, da steht dann sowat wie „Die IG Metall ist gefordert, die Chancen der Globalisierung zu sehen, deren Folgen für die Menschen zu bewerten und Schlußfolgerungen zu ziehen.“ Und weiter hinten:“Der Report stellt die Ergebnisse der Befragungen und Debatten dar. Er verzichtet bewusst auf Bewertungen und Schlussfolgerungen. DerReport will Anstöße geben und Anregungen zur Fortsetzung der Debatte vermitteln.“

DER REPORT WILL ABER EBEN NICHT DAS SYSTEM AN SICH IN FRAGE STELLEN!!!

Selbst die Auswertung der Fragen des Fragenbogens sind eindeutig arrangierenden Charakters. Alles ist Scheisse, machen wir das beste draus! Tschuldigung, ick wollte eijentlich nich ausfallend werden!

„Fatalismus hinsichtlich der Wirksamkeit korporatistischer Bünde drücken die 45 Prozent der Befragten in der Repräsentativbefragung aus…“, als ob das keine Wertung ist!

Ständig liest man dann außerdem, det die Ossis allet negativer bewerten. (Ick bin selber Ossi!) Keen Wunder, die haben ja och komprimiert die volle kapitalistische Packung abbekommen. Und nun wird dem einen oder der anderen klar, det doch nicht allet aus´m Staatsbürjerkundeunterricht jelogen war. Aber, ick verzettel ma…

Neulich bekam ick denn endlich die ersehnte Einladung. Ick hatte mich voll auf den Kongress jefreut, jedoch als ick allet überlas, mußte ick mich erstmal hinsetzen. Det warn janz schöner Schock.

ICK BIN ZU SPÄT DRAN!!! ICK HAB IRJENTWAT VERPASST, ÜBERSEHEN. (Ick ahnet: Det ´reporting`!)

Ick hab den Eindruck, allet is schon jelaufen. Warum? Nu jut, werd ick nun jenau uffbröseln.

Donnerstag, 13. Juni: „Kontroversen der Gegenwart“

Nach der Begrüßung darf ick zuhörenderweise an einer Podiumsdiskussion teilnehmen. Det heisst, ick werde erfahren, wat die „Herausforderungen heute“ für so Leute wie Jürgen Schrempp (Vorstandsvorsitzender Daimler Chrysler AG), Barbara Lochbihler (amnesty international), Dr. Warnfried Dettling (Publizist) usw. sind. Danch jibts Büffet.

Freitag, 14. Juni:“Kompass für Veränderungen“

Da hab ick den Eindruck, der Kompass ist schon fest ausjerichtet, denn zuerst stellt der Kollege Zwickel schon mal den Entwurf für det Manifest vor. Und erst danach finden Foren (10 Stück) statt. Irgentwie müssen die Organisatoren der Konferenz denken, wir sind zu blöd, in Foren zu arbeiten. Denn die werden durch Stellungnahmen vieler studierter Persönlichkeiten dominiert; lauter ProffessorInnen, DoktorInnen und sogar ein Pfarrer.

Also, ick nehm mal an, das det da janz schön schwer ist, intensiev mit den anderen Delegierten eijene Inhalte zu erarbeiten. So ein Forum jeht ja auch nur 2,5 – 3 Stunden. (Hätten wa besser gleich am Donnerstag anfangen sollen und den Entwurf des Manifestes erst nach den Foren entwickeln sollen.)

Aber es jibt ja keene Delegierten, sondern wir haben den Status als Gast und det uff unserem eigenen Zukunftskongress.

Samstag, 15. Juni:“Konzepte für die Zukunft“

Den Tag finde ich am allerkomischsten! In 50 Minuten wird Bericht aus allen 10 Foren erstattet. Warscheinlich braucht der, der det dann macht, auch nur so kurz, weil man ja schon jetzt weiss, was am Ende rauskommt. Hm, Logik hat det janze schon!

Danach kommentiert Zwickel natürlich die ´Erjebnisse` und gibt uns einen Ausblick auf u.a.

„Regieren im 21. Jahrhundert“

Schröder kann ick schon nicht mal im Fernsehen ertragen, da schalt ick imma weg. Nu muß ick ihm live im Kongress zuhören. Aber vielleicht kann ick noch wat lernen, denn ick wußte janich, det der noch Visionen hat. (´Es gibt viele schöne Plätze in Deutschland, die schönsten sind unsere Arbeitsplätze!`…Na ja – wenn det allet is?) Wahlwerbung der SPD jibts später gratis am Congresshallenausgang, als Unterhaltung für die Bahnfahrt heimwärts…

ALSO AN ALLEN DREI TAGEN WIRD DET OCH NÜSCHT AUS DER REALEN EINFLUSSNAHME AUF DAS ZUKUNFTSMANIFEST!

Na ja, ist noch Zeit, vielleicht krieg ick dat mit dem ´reporting` doch noch hin.

Trotzdem –
BITTE, BITTE: HELFT MIR WEITER!!!

Falls irjend jemand weiss, wat ick da wohl nich so richtig verstanden habe, melde er/sie sich doch unter >>> markusdahms@compuserve.com <<< !

Ick hätte auch jerne Kontakt zu anderen Delegierten, denen es jenauso geht. Man könnte sich vorher treffen und wat absprechen.

Eine Berliner Vertrauensfrau