Arbeiterorganisierung in den Südstaaten der USA

Bericht eines AK-Mitglieds von einem GewerkschafterInnentreffen in den USA im November 1999

Anfang November 1999 trafen sich in Atlanta im US Amerikanischen Bundesstaat Georgia 150 GewerkschafterInnen aus aller Welt, unter ihnen eine Gruppe aus Deutschland. Wir folgten einer Einladung der „Black Workers for Justice“ (BWfJ) zu einer Konferenz über Globalisierung der Wirtschaft. Mit dieser 2. international workers school versuchen die BWfJ mit einem internationalen Netzwerk ihre Arbeit in den communities und den Betrieben der Südstaaten zu unterstützen. In den USA gibt es ein starkes Nord-Süd-Gefälle. Die Löhne liegen weit niedriger, als in den Betrieben des Nordens, Gewerkschaften sind sehr schwach vertreten.

Das Ziel der Black Workers ist es, den unorganisierten Süden zu organisieren. Dafür bauten sie community-centers auf, die sich um Nachbarschaftshilfe, Gesundheitsversorgung aber auch um die Probleme am Arbeitsplatz kümmern. In den Betrieben werden dabei neue Strategien ausprobiert, da die wenigen Versuche der Gewerkschaften, in den BetriebenFuß zu fassen oft gescheitert sind.
Historischer Hintergrund

Die Industrialisierung in den südlichen Bundesstaaten der USA hat fast 100 Jahren später begonnen als im Norden. Die Plantagenwirtschaft mit der Ausbeutung der aus Afrika verschleppten Sklaven brachte genug Profit.Offiziell wurde die Sklaverei nach dem Ende des Bürgerkrieges 1865 abgeschafft, als im Norden schon große Fabriken entstanden waren.

Im Süden wurde die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung sehr rasch wieder zur offiziellen Rechtsnorm.

Die Verweigerung der Bürgerrechte bis zur Abschaffung des Wahlrechtes wurde von der Zentralregierung in Washington als ‚Kompromiss‘ für den Frieden mit den Südstaaten geduldet.
100 weitere Jahre wurden den Afroamerikanern alle Rechte verweigert.

In den 30er Jahren lebte die Hälfte der AfroamerikanerInnen im ländlichen Süden. Durch den Preisverfall der Baumwolle wurden 2 Mio. schwarze Kleinbauern ruiniert. 1932 war in den Städten des Südens die Hälfte der AfroamerikanerInnen arbeitslos. Sie erhielten nicht mal die sozialen Leistungen. Von den Hilfsorganisationen wurden sie sogar von den Suppenküchen ausgeschlossen. Am Arbeitsplatz und von den Gewerkschaften wurden sie diskriminiert.

Die Macht der Plantagenbarone war aufgebaut auf Verarmung kleiner Bauern und einem damit verbundenen Arbeitskräftereservoir für die ‚Textile mills‘, auf Billiglöhnen, ungeregelten Arbeitszeiten und Kinderarbeit.
Die Regulierung der Arbeitsbedingungen wie sie im Rahmen des
„New Deal“

eingeführt wurden, galt im Süden nur begrenzt. Sie garantierte hier weder das Recht, sich zu organisieren, noch setzte sie die effektiven Antigewerkschaftsstrategien außer Kraft. Gesetze wie das ‚right to work‘,
das ‚Recht auf Arbeit‘ (ohne gewerkschaftliche Organisierung) stärkte die Macht der Unternehmer.
Ein entscheidender Punkt war der Textilstreik von 1934, der zusammengeschossen wurde: Die Arbeiter kämpften um höhere Löhne, eine Beendigung der Arbeitsintensivierung und um die Anerkennung der
Gewerkschaft ‚United Textile Workers‘ (UTW). Die Behörden boten alles an Polizei auf, was sie hatten. Es gab 15 Tote, Massenverhaftungen und willkürliche Entlassungen. Wiederholt wurden die Hilfsgelder konfisziert.

Der Streik wurde verloren und die Mitgliederzahl der UTW dezimierte sich.
Die Niederlage wurde zum Symbol der Unmöglichkeit, den Süden
(gewerkschaftlich) zu organisieren.Erst die Bürgerrechtsbewegung in den 50er und 60er Jahren brachte die
Abschaffung der Apartheid und formale rechtliche Gleichheit. Martin Luther
King steht heute als Symbol für diese Bewegung.

Um die Situation dort besser zu verstehen, wurde uns im Rahmen der Konferenz ein Eindruck über den jahrhundertelangen
Kampf der AfroamerikanerInnen für Freiheit und gleiche Rechte

vermittelt. Das Martin Luther King Memorial (Museum) ist ein Magnet für alle Besucher von Atlanta.Wir sahen sein Geburtshaus und die Strassen in denen er aufgewachsen war. Die Fahrt nach Birmingham (Alabama), wo sich die Menschen in den 60er Jahren in den ersten Massendemonstrationenen heftige Auseinandersetzungen mit der rassistischen Polizei lieferten, hat uns stark beeindruckt.

Hier, im ‚Institute for Civil Rights‘ wird dieser große Kampf der 60er Jahre wieder lebendig: Birmingham galt als die Stadt mit der schärfsten Rassentrennung. Die besseren Schulen, die guten Restaurants waren Schwarzen verwehrt, ebenso der Zugang zu besser bezahlten Jobs. Es gab nach dem 2. Weltkrieg 60 Bombenanschläge auf Wohnungen und Kirchen von Schwarzen, ohne dass irgendjemand dafür verhaftet wurde. Die City Police war für ihren Rassismus berüchtigt. Als Martin Luther King in Birmingham
die Massendemonstrationen und Boykottaktionen gegen die Rassentrennung organisierte, antwortete die Polizei mit brutaler Gewalt. Nächtlang beherrschten Bilder von prügelnden Polizisten, von beissenden Hunden und Wasserwerfereinsätzen die Nachrichten jener Tage. SchülerInnen forderten immer wieder, sich an den Demonstrationen beteiligen zu dürfen. Am 3. Mai 1963 marschierten Tausende von Kindern gegen Polizeihunde und Wasserwerfer und wurden festgenommen. Dieses Ereignis erschütterte die amerikanische Öffentlichkeit und brachte den Durchbruch. Heute gibt es zwar die
„Gleichberechtigung und Antidiskriminierungsgesetze“

aber die wirtschaftlichen Strukturen und Machtverhältnisse haben sich nicht verändert. Immer noch ist der grösste Teil der schwarzen Bevölkerung arm, sind dessen Ausbildungsmöglichkeiten schlecht und und er wird von politischer Macht ausgegrenzt.

Gewerkschaftliche Organisierung wird in den Südstaaten durch besondere (Right to Work) Gesetzebehindert und ist dem zufolge selten erfolgreich.

Nach dem zweiten Weltkrieg führten AFL und CIO Organisierungskampagnen im Süden durch. Ihr Scheitern führte dazu, dass es nur noch vereinzelte betriebliche Kampagnen gab.

Behindert wird sie aber auch dadurch, dass die US- Gewerkschaften selbst oft nicht glaubwürdig sind.
In ihrer bewegten Geschichte haben sie und die in ihnen organisierten weissen ArbeiterInnen sich oft rassistisch verhalten. Lange Jahre war es für Schwarze nicht möglich, Mitglied im AFL zu werden. Erst der Einfluss der CIO-Gewerkschaften, die in den Massenindustrien Schwarze organisierten, brachte den Wandel. In den 30er und 40er Jahren herrschte innerhalb des CIO eine solidarische Position gegenüber den Schwarzen vor.

Es wurden sogar linksgerichtete Kampagnen unterstützt.
Die Wende des CIO…

hin zu arbeitgeberfreundlicher Gewerkschaftspolitik mit einem zwischen Arbeit und Management geschlossenen Sozialpakt begann Ende der 40er Jahre.

Die Zeit des Kalten Krieges brachte auch die Abkehr von solidarischem Gewerkschaftshandeln und dem entschlossenen Eintreten für die Bürgerrechte.

Globalisierung der privaten Witschaft, insbesondere der Autoindustrie im Süden war das Hauptthema der Konferenz. In den jungen Industriestaaten hat sich die Autoindustrie zu einem wichtigen strategischen zentralen Faktor der Wirtschaft entwickelt. Südkorea, Südafrika, Brasilien, Thailand, Malaysia, Indien und China spielen eine Schlüsselrolle bei der Internationalisierung der Autoindustrie. Der Süden der USA reiht sich ein in diese Länder als ein Ziel für ausländische Direktinvestitionen, vor allem der internationalen Automobilindustrie.

Der weitgehende gewerkschaftsfreie Süden hat eine erhebliche Anziehungskraft für zahlreiche Unternehmen. Die Autoindustrie hat in den südlichen Bundesstaaten sehr viel investiert. Heute werden hier mehr Autos und Autoteile gebaut als in Michigan, dem das historische Herz der Automobilindustrie.
Honda plant für 2003 ein Werk in Alabama. Das Mercedeswerk in Alabama hat angekündigt seine Kapazität auszuweiten. In South Carolina hat BMW angekündigt, 1000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Weitere 500 sollen in den Zulieferbetrieben in der Greenvilleregion entstehen. Porsche hat sein Hauptquartier von Nevada nach Atlanta verlegt und es gibt ein Gerücht, daß bald ein Montagewerk folgen soll.

Dies sind die Gründe, sich über die strategische Rolle des Südens Gedanken zu machen und gewerkschaftliche Gegenmacht aufzubauen sowohl auf der internationalen als auch auf der inländischen Ebene.
Für eine starke Arbeiterbewegung, für Demokratie und eine radikale gesellschaftliche Veränderung

Die weiteren Themen der Konferenz waren:

  • Der Aufbau einer Basisbewegung von gewerkschaftlichen und nicht gewerkschaftlich organisierten ArbeiterInnen
  • Der Kampf gegen die Diskriminierung am Arbeitsplatz
  • Die Strategie von Gewerkschaftsarbeit auch ohne Mehrheit, als Möglichkeit in den Betrieben Fuß zu fassen.
  • Neue Arbeitssysteme: Lean-production und Just-in-Time
  • Arbeitsbeziehungen zwischen Management und Beschäftigten.
  • Internationale Solidarität und die Situation von arbeitenden Frauen

Unsere Versammlungen fanden im Brisbane Institute im Morehouse College statt, einer rein schwarzen Universität.

Für viele AfroamerikanerInnen war dies die einzige Möglichkeit überhaupt eine Hochschulausbildung zu machen.

Die Deutschen kamen zum grössten Teil aus den Automobilbetrieben von BMW und Mercedes und waren natürlich an der Situation in den Werken dieser Firmen interessiert.
Der Informationsaustausch mit KollegInnen aus der Autoindustrie war deshalb besonders spannend. In einer Diskussion mit Kollegen aus dem
Mercedes Werk in Alabama

konnten wir den Unterschied zwischen der Darstellung, die das Mercedesmanagement gab, und dem was die Kollegen täglich erleben, vergleichen.

  • Offiziell erhalten alle ArbeiterInnen in dem Werk den gleichen Lohn von ca 21 $, bei einer Arbeitszeit von 40 Stunden in der Woche,
  • gibt es in der Fabrik keine Diskriminierung (die Zusammensetzung der Belegschaft muss der Zusammensetzung in der Bevölkerung entsprechen), und ist festgelegt, dass Organisierung von Gewerkschaften nicht behindert werden darf.

Die Erfahrungen sind anders: Zwar verdienen Mercedesarbeiter tatsächlich fast doppelt soviel wie den umliegenden Betrieben. Doch viele Teile werden von externen Zulieferern gefertigt. Deren Löhne liegen weit unter denen von Mercedes. Die Arbeitszeiten werden je nach Auftragslage willkürlich verlängert. Oft erfahren die Kollegen erst im Laufe der Schicht, dass sie eine oder zwei Stunden länger bleiben müssen.
Tatsächlich arbeiten im Werk viele Schwarze und auch mehr Frauen als bei uns. Die Vorgesetzten, vom Gruppensprecher bis zu den leitenden Angestellten sind hauptsächlich männlich und weiss. In den Betrieben werden Antigewerkschaftskampagnen durchgeführt. Anti-Union-Komittees verteilen Flugblätter und Aufkleber.

Offiziell behält die Geschäftsleitung saubere Hände. Aber die Einschüchterung und die Angst der Beschäftigten ist erheblich. An den Autobahnen stehen grosse Werbetafeln mit gewerkschaftsfeindlichen Parolen. Die wurden natürlich nicht von Mercedes oder BMW aufgestellt, sondern vom Staat.
Mit niedrigen Löhnen und ohne Gewerkschaften wollen die Regierungen die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes erhöhen

Bei BMW fiel die Wahl für den Standort des Montagebetriebes auf South- Carolina, dem US-Staat mit der geringsten gewerkschaftlichen Organisationsquote und einer ausgewiesenen gewerkschaftsfeindlichen
Haltung. In der Gewerkschaftsbewegung dieses Staates gibt es eine Cäsur. Es ist der oben erwähnte Massenstreik der nationalen Textilindustrie, dem sich die ArbeiterInnen in Spartanburg und Umgebung angeschlossen hatten. Sie hatten sechs Tote zu beklagen. Die Kirchen der Region weigerten sich, die Leichname zu beerdigen. Die überlebenden Streikenden wurden z.T. bis heute sanktioniert.

Ein weiterer Grund für die Ansiedlung in dieser Region sind die steuerlichen Vorteile. Neben zahlreichen anderen Vergünstigungen wie der Einrichting einer ‚Freihandelszone‘ rund um das Werk geniesst BMW
weitgehende Steuerfreiheit für die nächsten 20 Jahre. In der öffentlichen Diskussion sind diese Vergünstigungen umstritten.

Der Staat finanziert ja seine Aufgaben mit den Steuereinnahmen. Es gibt Kritik daran, dass Unternehmen, die hier investieren, von Grundbesitzsteuern befreit werden.

In South Carolina sollten 25% der Grundbesitzsteuern für Schulbildung ausgegeben werden. Verzichtet der Staat auf die Steuern, fehlt das Geld für die öffentliche Schulbildung. Dies geht wieder zu Lasten der Armen und überwiegend der schwarzen Bevölkerung.

Die Diskussion der US-amerikanischen Kollegen mit den deutschen, aber auch mit den Kollegen aus den Ford-Werken, in Sao Paolo, in Buenos Aires oder Mexico, mit den Gewerkschaftern von General Motors und Delphi ausEngland unterstützt den Kampf im Betrieb.

Die Möglichkeiten hier über gezielte Öffentlichkeitsarbeit Druck auf das Konzernmanagement auszuüben, können dafür einen Beitrag leisten.
Black Workers for Justice

wurden 1982 gegründet, um die Rechte und ie Würde der arbeitenden Armen im Südosten der USA durchzusetzen. Angefangen mit einem Kommmitee bestehend aus drei Leuten haben sie sich heute zu einer einer der glaubwürdigsten und effektivsten Organisationen in den Südstaaten entwickelt.
1988 organisierten sie den Kampf an einem Betrieb in North Carolina. Als das Unternehmen nach Mexico abwandern wollte, um von den billigen Arbeitskräften zu profitieren. erkämpften sie ansehnliche Abfindungen und die Verpflichtung des Unternehmens, angerichtete Umweltschäden zu beseitigen.1991 nach einemverheerenden Brand in einer Geflügelfarm, bei dem 25 Menschen ums Leben kamen, weil die Firma alle Notausgänge verschlossen hatte, organisierten sie Hilfe für die betroffenen Familien und kämpften gegen das verantwortliche Lebensmittelunternehmen für Gerechtigkeit. BWfJ kombiniert eine offensive Basisarbeit mit dem Willen, innovative Strategien zu entwickeln. Bei „Consolidated Diesel“ wurde begonnen Betriebsgruppen innnerhalb des Betriebes aufzubauen, wo eine übliche gewerkschaftliche Organisierungskampagne keine Chance hätte. Sie nahmen Kontakt zur Gewerkschaft United Elctrical Workers (UE) auf, die sie organisatorisch unterstützte. BWfJ nennen dies „non majority union“
(Nicht-Mehrheitsgewerkschaft). Sie verhinderten Kündigungen und wehrten sich erfolgreich gegen Lohnkürzungen.

BWfJ konzentrieren sich auf die schwarzen ArbeiterInnen, weil sie eine Macht unter den am wenigsten Mächtigen in der am wenigsten organisierten Region aufbauen wollen. „Dies ist gleichzeitig ein Beitrag, wie wir uns gegen den Rückgang der Arbeiterbewegung. durchsetzen könne….“

Auch die Herausforderung der Globalisierung wurde angenommen, indem sie ein Reihe von internationalen Konferenzen durchführen. Die erste hatte das Thema „Privatisierung im öffentlichen Sektor“, die zweite fand jetzt statt und auch 2000 wird es eine „international workers school“ geben.