„Ein schwerkranker Patient“

Die Krise im Gesundheitswesen legt die Schwachstellen des Systems wie in einem Brennglas offen. Viele melden sich jetzt zu Wort, die sagen wie es ist, und deren Stimme gehört werden sollte, wollen wir nicht in Gefahr laufen, dass es nach der aktuellen Krise so weiter geht wie vorher. „Normalisierung“ wäre dann eine Bedrohung!

Im Folgenden ein Ausschnitt aus einem Interview („Eine Krankheit names Ökonomisierung“) mit Rita Gabler, einer Krankenschwester im Palliativbereich. Entnommen einer Beilage in der SZ zum 1. Mai.

Was müsste sich in der Pflege ändern?

Bei unserem Gesundheitssystem handelt es sich um einen „schwerkranken Patienten“. Die Krankheit, unter der es hauptsächlich leidet, nennt man Ökonomisierung. Nicht mehr der Patientenwille zählt, sondern das wirtschaftliche Interesse von Kliniken, Pharmaunternehmen und Ärzten. Begünstigt wird das System durch einen historisch gewachsenen, geradezu militärisch angelegten Machtapparat in unseren Krankenhäusern. Angeführt von Chefärzten, die auf lukrativen Bonusverträgen sitzen und sich damit ihren auf Gewinrimaximierung ausgerichteten Geschäftsführern und Klinikbetreibern ausgeliefert haben. Dieser Druck wird massiv nach unten weitergegeben. Nicht die bestmögliche Versorgung des Patienten gilt oftmals als oberstes Ziel, sondern die „betriebswirtschaftlich optimale“ Behandlung. Die Ein- führung der Fallpauschalen 2004 tat ihr Übriges dazu. Seit der Zeit lässt sich besonders viel verdienen, wenn der Patient möglichst aufwendig behandelt, trotzdem aber schnell wieder entlassen wird. Da die Kosten der Pflege mit in die Fallpauschale eingerechnet werden, bleibt pro Fall deutlich mehr Gewinn, wenn möglichst geringe Personalkosten entstehen.
Viele haben statt des „Danke“ bessere Bezahlung gefordert. Wie sehen Sie das? Insgesamt betrachtet ist das Malheur in der Pflege ein von der Politik und den Krankenkassen ignoriertes und von den Ärzten klar gewolltes Ausbeutungsverhältnis, aus dem sich die Pflege ohne einen starken Berufsverband und ohne Hilfe der Politik nicht wird lösen können. Da hilft kein Trostpflaster in Form von Sonderzahlungen, und nach der Krise wird der Applaus der Bevölkerung schnell wieder verhallen.

Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit und vor allem für Ihre Patienten?

Das Palliativteam Erding könnte ein Beispiel dafür sein, wie es in der Pflege auch anders gehen könnte. Die Geschäftsführung liegt hier zu gleichen Teilen in pflegerischer und ärztlicher Hand. Als gemeinnützige Einrichtung sind wir nicht auf Gewinne ausgelegt, sondern das Wohl des Patienten steht an oberster Stelle. Eine Versorgung, wie wir sie damit gewährleisten können, würde ich nicht nur Palliativpatienten wünschen, sondern allen, die es benötigen. Es ist schade, dass es ein solches Virus gebraucht hat, damit erkannt wurde, dass Gesundheit weder mit Geld noch mit Gold aufzuwiegen ist. Natürlich ist gerade jetzt die Arbeit der Pflegenden unbezahlbar wichtig geworden. Wobei, vielleicht wäre sie ja doch bezahlbar, sofern man die Millionengehälter von Managern, Bankern, Profifußballern oder Pharma-Chefs, um nur einige zu nennen, systemrelevant anpassen würde? Ich jedenfalls würde bei einer solchen Entscheidung applaudieren.