„Give back our land!“

„Gebt uns unser Land zurück“ – unter diesem Motto veranstaltete die Namibische Farmarbeiter Gewerkschaft (NaFWU) vom 11. bis 12.5.07 in der namibischen Hauptstadt Windhoek einen Kongress zur Landreform. Unter den 130 Teilnehmern waren Gewerkschaftsmitglieder, NGOs und Vertreter politischer Parteien und Ministerien.
„Unrealistische Erwartungen“ kommentiert ein Artikel in der „AZ“ vom 29.5.07 die Forderungen des Kongress‘. Die „AZ“ ist eine der drei Tageszeitungen Namibias, laut ihrer Kopfzeile (?) „AZ – die älteste Zeitung Namibias – Nachrichten von A-Z auf gut Deutsch“!!!
Namibia war von 1883 bis 1915 deutsche Kolonie, und das koloniale Erbe hat auch die anschließenden Jahre der südafrikanischen Besatzung des Landes überlebt – auf kultureller und wirtschaftlicher Ebene.

Wem gehört das Land und wer fordert es von wem und mit welchem Recht zurück?

Alfred Angula, der NaFWU- Vorsitzende, beschreibt den Hintergrund der Forderung: „Wir in Afrika kommen aus einer Kultur, in dem der Boden, auf dem wir leben, für uns eine besondere Bedeutung hat. Er verkörpert die Geschichte unserer Vorfahren, unseren Platz auf der Welt, wo wir geboren wurden und wo wir begraben werden möchten, unsere Lebensgrundlage und unseren gemeinsamen historischen Lebensraum.
Der Kolonialismus betrachtete unser Land nur unter dem Gesichtspunkt seiner Ressourcen. Seine Nutzung wurde zu einem Faktor wirtschaftlicher Interessen von Fremden. Der Widerstand dagegen war eine der Wurzeln unseres Kampfes für die Unabhängigkeit.Unser Land ist groß genug, um unser Volk zu versorgen und zu ernähren. Es ist groß genug, um jedem/jeder einen Platz zu geben, an dem er /sie sich zu Hause fühlen und ein Lebensgrundlage finden kann… Die Geschichte Namibias ist wie die aller kolonialisierten Länder eine Geschichte der Enteignungen. Unter Ignorierung seiner ursprünglichen Besitzer wurde das Land unter den weißen Kolonialherren neu aufgeteilt….“ (NaFWU Papier)

Was ist der Hintergrund dieser historischen Ungerechtigkeit? Wer errichtete die Zäune, die heute einen großen Teil der Bevölkerung aus ihrem Land aussperren?

Im Gefolge von Missionsgesellschaften kamen im 19.Jahrhundert die Vertreter deutscher Handelsgesellschaften nach Namibia. Das Land wurde bewohnt von verschiedenen namibischen Völkern, die ihre Siedlungsgebiete untereinander aufteilten – teils durch Verhandlungen, teils durch gewaltsame Auseinanderssetzungen. Ein Eigentumsbegriff nach europäischem Recht war unbekannt. Die Vertreter der deutschen Kolonialgesellschaften nutzten diese Unwissenheit und ließen sich von den Chiefs der afrikanischen Bevölkerungsgruppen in betrügerischen Verträgen das Land übereignen. Die Verträge standen unter dem Schutz der Kolonialmacht. Die Berliner „Kongo-Konferenz“ 1884/1885, auf der Afrika unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt wurde, sicherte die deutsche Vorherrschaft über Namibia ab. Die Afrikaner wurden von ihrem früheren Land vertrieben bzw. zur Arbeit wie in der Sklaverei gezwungen. Ihr Widerstand wurde mit brutaler Militärgewalt niedergeschlagen. Der Vernichtungskrieg der deutschen „Schutztruppen“ gegen die aufständischen Herrero gilt als der erste systematische Völkermord in der Geschichte. Nach der deutschen Niederlage im ersten Weltkrieg kam Namibia unter britisch-südafrikanische Verwaltung. Die Besitzverhältnisse im Land blieben davon unberührt, und die rassistische und koloniale Politik wurde durch die südafrikanischen Apartheids -Gesetze bis zur namibischen Unabhängigkeit weiter perfektioniert.

„Die Landpolitik im heutigen postkolonialen Namibia muss dieser historischen Ungerechtigkeit Rechnung tragen“ fordert NaFWU.Bei einer Bestandsaufnahme der bisherigen politischen Bemühungen in dieser Richtung kommt der Kongress zu folgendem ernüchternden Ergebnis.
– Der Prozess der Landreform vollzieht sich sehr langsam, und die Situation der armen und besitzlosen Bevölkerung hat sich bislang kaum verbessert.
– Die Enteignung von Farmland erfolgt schleppend und mühsam.
– Die verarmten umgesiedelten Familien bekommen keine ausreichende Unterstützung, die sie in die Lage versetzen würde, ihr neues Land ertragreich zu bearbeiten.
– Das geltende „Willing Byer – Willing Seller“ Prinzip, das die Umverteilung des Landes von Verkaufsinteressen seiner Besitzers abhängig macht, ist gescheitert und hat nur einige weiße Farmer reich gemacht.
– Große Teile des Landbesitzes sind immer noch in den Händen von Ausländern.
– Es gibt Farmland, das seit 5 Jahren ungenutzt ist, ohne dass es zur Umsiedlungen von Landlosen genutzt wurde.
– Die Empfehlungen der nationalen Land-Konferenz von 1991 müssen einer Überprüfung unterzogen werden.

Auch 17 Jahre nach der Unabhängigkeit ist ein großer Teil des namibischen Landes in weißem Privatbesitz und unzugänglich für die Regierung und den größten Teil der zu 80 % schwarzen Bevölkerung. Die Beschlüsse einer ersten Landkonferenz von 1991 wurden bislang kaum umgesetzt und die Situation der Farmarbeiter und der Landlosen hat sich nicht verbessert. „Wenn es ein besseres Leben für mich geben sollte, dann vielleicht nach meinem Tod im Himmel“, beschreibt ein Farmarbeiter seine Enttäuschung und Verzweiflung.“ (NafWU-Papier)
Einerseits verpflichtet die namibische Verfassung die Politik dazu, die gesetzlichen Grundlagen dafür zu schaffen, dass allen Bürgern der Zugang zu Grund und Boden ermöglicht wird. Auf der anderen Seite garantiert sie den Schutz bestehenden Privatbesitzes. „Die Verfassung schützt existierende Eigentumsrechte an Land. Aber der Landbesitz gründet sich auf Diebstahl während der Kolonialzeit, der nachträglich gesetzlich abgesichert wurde.“ (Alfred Angula zitiert nach SADC)
Dieser ungelöste Widerspruch lähmt den Prozess der Landreform und verhindert eine wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, an der alle Namibier teilnehmen können.

Die Konferenz beschließt:

Ausländern sollen lediglich wirtschaftliche Aktivitäten im Agrarbereich gestattet sein. Kein Ausländer sollte Land in Namibia besitzen. Die Regierung soll sicherstellen, dass spätestens bis 2017 ausländischer Landbesitz nach Ausgleichszahlungen in das Eigentum von Namibiern übergegangen sein wird. Jeder Farmer darf nur eine Farm mit der maximalen Größe von 7000 ha. besitzen. Die Regierung soll verbindliche Preise für Landverkäufe festlegen. Alle ungenutzten und unproduktiven Ländereien sollen ohne Entschädigung in den Besitz des Staates übergehen.Wirtschaftliche Konzentrationen im Agrarbereich sollten per Gesetz ausgeschlossen werden.Allen vertriebenen Farmarbeiter soll so schnell wie möglich neues Land zur Ansiedlung angeboten werden. Die Regierung soll dafür sorgen, dass die bestehenden gesetzlichen Rechte der Farmarbeiter durchgesetzt und eingehalten werden. Auf jeder Safari-Farm soll es einen schwarzen namibischen Mitbesitzer geben. Die weißen namibischen Farmer sollen ihr Land mit ihren Farmarbeitern teilen oder ihnen eine Kooperation in Form von Eigentums-Beteiligung anbieten.Die Farmarbeiter und Landlosen müssen durch Maßnahmen der Regierung bei ihren Bemühungen um Neuansiedlung oder Umsiedlung unterstützt werden. Viele können nicht lesen und schreiben und sind mit den gesetzlichen und formalen Verfahren überfordert. Die gewerkschaftliche Interessenvertretung der Landarbeiter NaFWU muss an den verschiedenen regionalen staatlichen Umsiedlungs-Komitees beteiligt werden.

Namibia ist nicht Zimbabwe. Man kann unterstellen, dass die frühere SWAPO-Befreiungs-Bewegung, die seit der Unabhängigkeit die absolute Mehrheit im Parlament stellt, an einer friedlichen Lösung des Landkonflikts interessiert ist. Katali, der Vizeminister für Ländereien und Neuansiedlung, gibt in der „AZ“ vom 14.5.07 den schleppenden Verlauf der Landreform zu. Zu wenige weiße Farmbesitzer seien bereit, ihr Land zu einem vertretbaren Preis an die Regierung zu verkaufen, erklärt er. Es gibt eine Regierung, die ihre Versprechungen einlösen muss. Es gibt in Namibia auch Erben kolonialen Besitzes, die ein Interesse daran haben, kooperativ an einer politischen Lösung mitzuwirken. Aber es gibt ebenso wirtschaftliche Interessen und postkoloniale Borniertheit, die eine positive Entwicklung blockieren.
Der Konflikt lässt sich nur lösen, wenn auch die ursprünglichen Erben des Landes ihr Recht an seiner Nutzung wiedererlangen.

Gabi Pehle