Rede eines AK_Mitglieds auf dem Gründungskongreß des KCTU am 9.November 1995 in Seoul

Liebe Brüder, liebe Schwestern,

Vielen Dank für eure Einladung zu Gründungskongreß der KCTU. Gern habe ich ich eure Einladung angenommen und ich freue mich, daß ich an diesem bedeutenden Tage bei euch sein kann.

Mein Name ist Hans Köbrich und ich komme aus Berlin, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Ich bin Mitglied der IG Metall und arbeite als Betriebsrat bei BMW, einem euch sicher bekannten multinationalen Automobilkonzern.

Seit mehreren Jahren praktizieren aktive Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Automobilwerken in der BRD einen Meinungs- und Erfahrungsaustausch.

Wir wollen etwas daggen tun, daß die Kapitalseite uns erpreßt und gegeneinander ausspielt. Wir wollen nicht Spielball der Marktstrategien von Konzernen sein .

Wir versuchen uns zu vernetzen und hoffen, daß wir auch die neu entstandenen und noch zu gründenden Euro-Betriebsräte nutzen können, um die Konkurrenz unter uns zu entschärfen.

Doch wir wollen keine Festung Europa, in dem die Organisationen der abhängig Beschäftigten mit ihren Unternehmern einen Burgfrieden schließen. Einen Frieden, um besser gegen den ärmeren Rests der Welt einen Wirtschaftskrieg führen zu können.

Deshalb haben Kolleginnen und Kollegen der IG Metall in verschiedenen Städten damit begonnen in ihrer Gewerkschaft Arbeitskreise zu gründen, die hier neue Wege gehen wollen.

Diese neuen Wege sind im Grunde nicht neu, sondern sie führen uns zu den Wurzeln der Gewerkschaftsbewegung zurück: Einer Bewegung, die mit dem Ziel entstanden ist, daß sich die arbeitenden Klassen über ihre nationalen Grenzen hinweg geschwisterlich verbinden.

In diese Richtung leisten wir seit längren einen bescheidenen Beitrag.

Seit über 10 Jahren unterstützen wir die Anstrengungen der Industrie- und Landarbeiter in Nicaragua beim Aufbau neuer Strukturen. Diese Strukturen sollen helfen Armut und Unterentwicklung zu überwinden und es möglich machen, daß die arbeitenden Menschen ihr eigener Herr werden.

Aktuell unterstützen wir den Bau eines gewerkschaftlichen Bildungszentrums unserer brasilianischen Kolleginnen und Kollegen der CUT.

Ich selber hatte in diesem Jahr die Chance auf einem Kongreß in Detroit mit Kolleginnen und Kollegen des Bundes der Automobilarbeiter der USA zusammenzutreffen. Mein Eindruck war: Uns trennen tausende von Kilometern und die Sprache. Aber unsere Probleme unterscheiden sich wenig.

1993 hatten wir auch eine Delegation der koreanischen Automobilarbeiter in Berlin zu Gast. Die Kollegen arbeiteten in den Konzernen DAEWOO, HYUNDAI und SSANGYONG.

Wir erhielten einen lebendigen Eindruck eures Kampfes. Ergebnis dieses Besuchs war auch eine Unterschriftensammlung für die Freilassung eures inhaftierten ehem. Vorsitzenden, des Kollegen DAN BYUNG HO.

Liebe Brüder und Schwestern,

Wir haben euren Kampf, den ihr unter härtesten Bedingungen über viele Jahre geführt habt, stets mit großer Hochachtung verfolgt. In diesem Kampf seid ihr zur Vorkämpferin der Demokratie in eurem Lande geworden .

Euer Mut, eure Unbeugsamkeit und Beharrlichkeit sind uns Anspron und Verpflichtung. Sie stellen täglich unter Beweis, daß die Arbeiterbewegung nicht tot ist, sondern auch in Zeiten des Umruchs und der Krise zu neuer Kraft finden kann.

Mit der Gründung eures neuen Dachverbandes wird eine neue Stufe der Organsiation möglich. Ich hoffe, daß sie euch eurem Ziel ein Stück näher bringt, die Rechte der arbeitenden Menschen in eurem Lande fest zu verankern.

Ich bin überzeugt: Die koreanische Arbeiterklasse wird im Kampf für Demokratie nicht eher

lockerlassen, bis diese Demokratie den Namen verdient und nicht nur auf dem Papier steht.

 

Liebe Brüder und Schwestern,

wir erleben gegenwärtig einen radikalisierten Kapitalismus.

Die weltmarktbeherrschenden Unternehmen möchten sich all der sozialen Schutzrechte entledigen, die ihnen im letzten Jahrhundert unter vielen Opfern abgerungen wurden.

Die Konkurrenz zwischen allen, die auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind, soll ungezügelt und allgegenwärtig werden.

Unsere Herren, egal ob sie nun Manager von Daimler Benz, von General Motors oder von Hyundai sind, sagen uns: Wenn ihr tut, was wir für richtig halten, werdet ihr mit uns auf den Weltmärkten siegen und überleben. Ansonsten garantieren wir für nichts.

Dieses scheinbar alternativlose Angebot ist jedoch wie der berühmte Apfel der Eva an Adam im Paradies. Er ist vergiftet. Lassen wir uns darauf ein, werden wir alle verlieren.

Denn der Kampf gegen die Armut und die Zerstörung der Erde durch den real existierenden Kapitalismus wird nur eine Chance haben, wenn wir unsere Konkurrenz überwinden und gemeinsam zu handeln lernen.

Liebe Brüder und Schwestern,

Meine Gewerkschaft, die IG Metall, ist mit fast 3 Mio Mitgliedern die weltgrößte Industriegewerkschaft und hat eine über 100 jährige Tradition. Doch sehe mich hier nicht als Entwicklungshelfer.

Ich Gegenteil: Ich bin der festen Überzeugung, daß es gerade die jungen Gewerkschaften sind wie die CUT in Brasilien, die COSATU in Südafrika und insbesondere eure Organisation, die koreanische KCTU, die uns neue Impulse geben können und eine Schule sein können, in der wir wichtiges lernen können.

Überhaupt erscheint es mir wesentlich, daß die neu entwickelnde Kooperation der Gewerkschaften über die Kontinente hinweg nicht ein Abbild der Staatenordnung wird.

In dieser Ordnung bilden die Staaten eine Hierarchie nach ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht. Eine Hierarchie mit Oben und Unten, mit angeblich wichtigen, weniger wichtigen und unwichtigen Ländern. In ersteren dibt es üppige Mahlzeiten, in der zweiten Gruppe gibt es Brosamen und die letzte geht leer aus.

In unserer Kooperation sollte jeder und jede die gleiche Stimme haben.

Und: wir sollten gegenseitig anerkennen, daß alle ein Recht habe auf die Verfügung der Ressourcen dieser Erde. Diese Ressourcen müssen ausreichend zu Essen, ein Dach über dem Kopf, Ausbildung und soziale Sicherheit für alle bieten. Ebenso wie eine Umwelt, die auch kommenden Generationen eine Zukunft gibt.

Wir werden lernen müssen so zu teilen, daß alle überleben.

Liebe Brüder und Schwestern,

Es ist ein erhebendes Erlebnis dabei sein zu können, wenn sich Menschen weigern wie Maschinen zu leben und ihr Leben selber bestimmen wollen. Und es ist doppelt schön, wenn sie dabei Erfolg haben. Deshalb danke ich euch noch einmal, daß ich hier euer Gast sein kann.

Mein besonderer Wunsch ist, daß alle noch in koreanischen Gefängnissen sitzenden Brüder und Schwestern unverzüglich freigelassen werden.

Diese Freilassung kann kein Gnadenakt sein, sondern sie ist eine Forderung der Gerechtigkeit. Das Gesetz, das ihre Inhaftierung ermöglichte, muß bedingungslos zurückgenommen werden.

Um uns hier zu treffen sind einige von uns tausende von Kilometern geflogen. Sie kommen aus Johannisburg, aus Sao Paulo, aus Stockholm oder wie ich aus Berlin. Wir leben getrennt aber wir sind nicht mehr getrennt, denn wir haben ein gemeinsames Ziel. Es heißt:

NO DONG – HAE BANG!