Stoppt den Krieg in Afrin! – Offener Brief türkischer KollegInnen an deutsche Gewerkschaften

An alle Gewerkschaften und demokratischen Kräfte Europas!

Lasst uns in Solidarität mit dem Widerstand in Afrin unsere Stimme gegen den Besetzungsversuch des türkischen Staates erheben!

 

Bis zum Angriff des türkischen Staats, der am 20. Januar begann, war Afrin eine der wenigen Regionen in Syrien, die vom Krieg weitestgehend verschont geblieben waren. Tausende von Menschen haben hier in den letzten fünf Jahren vor den Gräueltaten der verschiedenen vom Ausland finanzierten Dschihadisten-Gruppen, wie dem IS, in Afrin Zuflucht gefunden. Ob- wohl sich die Einwohnerzahl verdreifacht hat und die Stadt kaum Unterstützung von der UN oder anderen internationalen Institutionen erhielt, war es dank der aufgebauten Selbstverwal- tung dennoch gelungen, ein friedliches Zusammenleben für alle zu ermöglichen.

Wie wir wissen, hat sich die Türkei in den vergangenen Jahren unter der Herrschaft des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan und ganz besonders mit dem Ausgang der Parla- mentswahlen von 2015 rasant und zusehends zu einer Autokratie entwickelt. Hierunter leiden nicht nur die KurdInnen, die auch innerhalb der Türkei brutalsten Angriffen ausgesetzt sind, sondern auch andere Minderheiten, ArbeiterInnen und Intellektuelle, die sich für Frieden und Freiheit aussprechen. Um seine Macht weiter auszubauen, greifen die Streitkräfte Erdoğans nun diesen letzten Ort des friedlichen Zusammenlebens in Afrin an, besetzen ihn und überzie- hen ihn auch mit der Hölle des Krieges. Dies ist ein schwerer Angriff nicht nur gegen die Be- völkerung von Afrin, sondern auf jegliche Friedensbestrebungen in dieser Region.

Die Menschen in dieser Region, vor allem die KurdInnen, führen einen entschiedenen Kampf gegen den IS und die brutale Finsternis, die dieser zu erschaffen versuchte, und sie werden nicht aufgeben. Die Kämpfe um Kobane und Rakka sind nur zwei Beispiele für diesen außerordentlichen Widerstand. Tausende junge Menschen haben dabei ihr Leben gelassen und riskieren ihr Leben täglich aufs Neue. Besonders der bemerkenswerte Widerstand der kurdi- schen Frauen ist ohne Zweifel für viele Menschen weltweit eine Quelle der Hoffnung.

Die erhebliche Bedeutung des Kampfes der KurdInnen für den militärischen Niedergang des IS im Nahen Osten, durch den die Länder der Welt wieder aufatmen können, darf nicht geleugnet werden. Auch die Länder Europas stehen den tausenden kurdischen jungen Men- schen, die auch für sie im Krieg gegen den IS gefallen sind, gegenüber in der Pflicht. Daher hat die internationale Gemeinschaft eine moralische Verantwortung, die syrische Bevölke- rung, vor allem die KurdInnen und ihre Verteidigungskräfte, gegen diesen völkerrechtswidri- gen Angriff der Türkei zu unterstützen. Dieser Angriff muss sofort gestoppt werden, damit in Syrien endlich wieder Frieden herrscht und sich eine demokratische Regierung formen kann.

Wir, die GewerkschafterInnen aus dem öffentlichem Dienst, die – nur weil wir für Gleich- heit, Gerechtigkeit und Freiheit in der Türkei gekämpft und uns gegen den Krieg ausgesprochen haben – Opfer dieser Politik des türkischen Staates geworden sind und gezwungen wur- den, im Exil in Europa zu leben, rufen alle Gewerkschaften und demokratischen Kräfte Euro- pas auf, Afrin zu unterstützen und auf ihren mutigen Widerstand aufmerksam zu machen. Auch angesichts der Waffenexporte beispielsweise aus den europäischen Ländern in die Tür- kei sehen wir sie in der Verantwortung zur Solidarität. Es ist eine menschliche Pflicht, für Afrin die Stimme zu erheben.

Quelle: express 1/2 2018

 

 

UnterzeichnerInnen:

 

Lami Özgen (ehemaliger Co-Vorsitzender der KESK), Dr.  Latife Akyüz (Uni Frankfurt / GEW-Mitglied), Dr. Tolga Tören (Uni Kassel), Aslı Telli Aydemir (Uni Siegen, AVH-PSI Research Fellow), Songül Morsümbül Tarhan (ehemalige Frauensekräterin der KESK im Zentralvorstand), Sakine Esen Yilmaz (ehemalige Generalsekretärin der Eğitim Sen), Meryem

Çağ (ehemalige Frauensekräterin der BES im Zentralvorstand), Gülçin İzbert (ehemalige Frauensekräterin der Eğitim Sen im Zentralvorstand), Elif Akgülateş (ehemalige Frauensekrä- terin der Eğitim Sen im Zentralvorstand), Yavuz Aydin (ehemaliges Ratsmitglied KESK und der Vorsitzende vom Kontrollausschluss der Eğitim Sen-Zweigstelle Nr. 2 in İzmir), Mehmet Hanefi Kuriş (ehemaliges Ratsmitglied der KESK und ehemaliges Mitglied der Eğitim Sen- Zweigstelle Nr. 1 in İzmir), Nihat Keni (ehemaliges Ratsmitglied der KESK), Aslı Engin Ars- lan (ehemalige Co-Vorsitzende der Zweigstelle Eğitim Sen Agiri), Mine Çetinkaya (ehemali- ges Vorstandsmitglied vom Kontrolle Ausschluss der Eğitim Sen-Zweigstelle Nr. 1in İzmir), Mehmet Karaaslan  (ehemaliges Vorstandsmitglied der BES-Zweigstelle in Amed), Mahir Engin Çelik (ehemaliges Vorstandsmitglied der Eğitim Sen-Zweigstelle in Mersin), Vahat Bingöl (ehemaliges Vorstandsmitglied der SES-Zweigstelle in Amed), Özcan Tümen (ehema- liges Vorstandsmitglied der Eğitim Sen-Zweigstelle in Adıyaman), Dilek Çolak (ehemaliges Mitglied der Eğitim Sen-Zweigstelle in Diyarbakır), Haydar Deniz (ehemaliges Mitglied der Eğitim Sen-Zweigstelle Nr. 2 in Izmir), Aziz Akikol (ehemaliges Mitglied der Eğitim Sen- Zweigstelle Nr. 4 in İzmir), Murat Savaşli (ehemaliges Mitglied der Eğitim Sen-Zweigstelle Nr. 2 in İzmir), Güler Güneş (ehemaliges Mitglied der Eğitim Sen-Zweigstelle Nr. 3 in Istan- bul), Ercan Güneş (ehemaliges Mitglied der Eğitim Sen-Zweigstelle Nr. 3 in Istanbul), Evrim Atmaca (ehemaliges Mitglied der Tüm Belsen-Zweigstelle in Dersim), Niyazi Yilmaz (ehema- liges Mitglied der Eğitim Sen-Zweigstelle Nr. 1 in Ankara), A. Vahap İnce (Berufsschullehrer und ehemaliges Mitglied des Koordinationsausschusses der Arbeitsplattform in Malatya), Mutahir Karakuş (ehemaliges Mitglied der Tüm Belsen-Zweigstelle in Diyarbakır)

 

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