Südkorea: Mehr als 2. Mio Menschen auf der Straße

Seit Wochen gibt es Proteste. Die Regierung spielt auf Zeit. Aber die Demonstrierenden spüren ihre Macht und lassen nicht locker. Der SZ-Korrespondent Christoph Neidhart berichtet in der SZ vom 5.12.: 

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„Seoul — Kinder kicken sich einen Ball zu, auf dem das Gesicht von Park  Geun-hye prangt. Einige Schritte weiter steht Südkoreas Präsidentin überlebensgroß als gefesselte Puppe, daneben trägt sie als Pappfigur Häftlingsklamotten. 1,7 Millionen Koreaner, mehr denn je, haben am Samstagabend auf dem Gwanghwamun-Platz in Seoul erneut für Parks sofortigen Rücktritt demonstriert. Im übrigen Südkorea waren weitere 600 000 Menschen auf der Straße, auch viele Familien mit Kindern. Ein Fackelzug pilgerte zum „Blauen Haus“, ihrem Amtssitz, um der verhassten Präsidentin zum Abgang zu leuchten …

Die Wut der Koreaner ist beißendem Hohn gewichen, das Volk hat gewonnen. Noch ist nicht klar, wie es seine Präsidentin los wird — und streng bestraft, wie die Massen fordern — und erst recht nicht, was ihr folgt. Aber Park ist politisch erledigt. Das Volk feiert sich selbst und spürt seine Macht … Für die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahren braucht die Opposition 28 Stimmen von Parks Saenuri-Partei. Vorige Woche waren etwa 40 Saenuri-Abgeordnete dazu bereit, Park deutete eine theoretische Bereitschaft zum Rücktritt an. Damit spaltete sie parteiinterne Gegner, die sich schon für danach positionieren. Zudem könnte eine Amtsenthebung acht Monate dauern, und so lange bliebe Südkorea politisch gelähmt …

Die Protestredner auf dem Gwanghwa-mun werden das nicht zulassen. Sie greifen nicht mehr nur Park an, sondern auch die Chaebols, Südkoreas große Familienkonzerne, die in der von Parks Vater etablierten Militärdiktatur Südkoreas das Wirtschaftswachstum antrieben. Bisher gelten die Chaebols als Opfer“ von „Choigate“. Choi presste ihnen, angeblich mit Hilfe der Präsidentin, 60 Millionen Euro ab. Doch auf dem Gwanghwamun glauben viele, die Konzerne zahlten freiwillig — für Gegenleistungen.

„Samsung&Co. steckten einst mit Parks Vater unter einer Decke. Und jetzt mit seiner Tochter. Es bleibt in der Familie“, spottet ein Professor der Generation, die in den 1980er-Jahren in blutigen Straßenkämpfen die Demokratie erkämpfte: „In Korea gibt es viele Samsung-Stipendiaten, offizielle und noch viel mehr inoffizielle, auch unter Beamten und Staatsanwälten.“ Samsung zahlte umgerechnet 2,8 Millionen Euro für Reitstunden und ein Pferd von Chois Tochter.

Park hat den Stolz der Koreaner verletzt und so enorme politische Energien freigesetzt. 500 Organisationen tragen die Demos auf dem Gwanghwamun: Parteien, Gewerkschaften, Studenten, Schülergruppen. „Das geht nicht mehr weg, das wird jede Woche größer“, sagt der Professor.“