Theodorakis im Interview * September 2015 *

Zur Wahl in Griechenland

Sirtaki-Erfinder Mikis Theodorakis kritisiert Alexis Tsipras

Von Elisa Simantke

NM

 

Der griechische Komponist Mikis Theodorakis wirft im Interview mit dem Tagesspiegel am Sonntag  Ex-Ministerpräsident Alexis Tsipras dessen Kehrtwende bei der Aushandlung eines weiteren Hilfspakets vor.

Mikis Theodorakis ist ein griechischer Komponist, Schriftsteller und Politiker. In Deutschland ist er vor allem mit der Sirtaki-Musik zu dem Film „Alexis Sorbas“ berühmt geworden. In Griechenland wird er als Volksheld verehrt. Vor kurzem hat er seinen 90. Geburtstag gefeiert. Aufgrund seines hohen Alters tritt er nicht mehr häufig öffentlich auf. Dem Tagesspiegel gab er ein handschriftliches Interview. Theodorakis, der sich über viele Jahrzehnte politisch engagierte, in der Militärdiktatur zum Symbol des Widerstandes wurde und heute der Syriza-Abspaltung des ehemaligen Energieministers Panagiotis Lafazanis nahesteht, zeigt sich in dem Interview enttäuscht von der Politik des Ex-Premierministers Alexis Tsipras.

Herr Theodorakis, Sie kritisieren den Regierungskurs des und rufen zu einer „Volksfront“ gegen die Austeritätspolitik auf. Hat die Syriza-Partei die Werte der Linken verraten?

„Austeritätspolitik und Griechenland“ – das ist ein riesiges Thema. Dazu wurde bereits viel geschrieben und gesagt. Ich habe in Paris gelebt, und mir ist der dort herrschende cartesianische Geist sehr vertraut, der auch die deutsche Denkungsart bestimmt, wobei in Deutschland teilweise eine stark protestantisch geprägte Erziehung und Geschichte dazukommen. Wir Griechen haben eine ganz andere Tradition und Erziehung, die zusammen mit der Orthodoxie unser starkes nationales Bewusstsein ausmachen, aus dem Wertvorstellungen und eine Lebenshaltung resultieren, die einfach vollkommen verschieden sind von denen anderer Nationen.

Unsere Tragödie begann, als die Staaten, in denen der Rationalismus vorherrschte – Frankreich, England und Deutschland – aus unterschiedlichsten Gründen seit dem 19. Jahrhundert auf unser Land Einfluss nahmen, um uns Griechen zu „zivilisieren“, weil sie uns aufgrund unserer nationalen Besonderheiten nicht „verstehen“ konnten. Genau dasselbe passiert auch heute. Sie wollen uns partout ihren Rationalismus aufzwingen, das heißt, ihre Leitbilder.

Es wäre an der neuen Linken – im Gegensatz zur historischen Linken, die von ausländischen Vorbildern beeinflusst ist -, unsere nationale Besonderheit zu schützen. Syriza und Alexis Tsipras gehören zu dieser neuen Linken, deren Aufgabe es war, uns vor dem „Rationalismus“ von Herrn Schäuble zu bewahren, für den unsere nationale Besonderheit, die dem europäischen Rationalismus zuwiderläuft, ein Störfaktor ist. Dass unser Volk es ablehnt, sich die rationalistischen Scheuklappen Europas aufsetzen zu lassen, verärgert Herrn Schäuble offensichtlich sehr. Mit seinem Versuch, uns dafür zu bestrafen, zwingt er Griechenland diese unsägliche Austeritätspolitik auf, die bereits 50 Prozent der Griechen in die Armut und ins Elend getrieben hat und die mit der Umsetzung des dritten Memorandums auch die anderen 50 Prozent dahin bringen wird.

Welchen Vorwurf machen Sie Tsipras konkret?

Herr Tsipras als linker Politiker und Syriza – sie begannen als erklärte Gegner der katastrophalen Politik der Memoranden (die in Europa „Rettungspakete“ genannt werden). Also wie soll man diejenigen charakterisieren, die als Kämpfer gegen die Memoranden antraten und aus denen diejenigen geworden sind, die jetzt das dritte Memorandum der absoluten Katastrophe umsetzen werden?
Ich will keinesfalls behaupten, dass die einzigen Ursachen für die uns von Europa auferlegten Memoranden historische und kulturelle Differenzen seien. Die Ursachen und Gründe dafür sind allseits bekannt. Ich wollte an dieser Stelle lediglich zu einem Punkt etwas sagen, zu dem bislang kaum jemand etwas gesagt hat. Heutzutage fokussiert alles auf die Ökonomie, und die neue Religion der wohlhabenden Länder heißt „Geld“. Aber das ist ein Irrtum, und es wird der Augenblick kommen, da das überwunden werden wird. Anstelle des Geldes wird wieder der Mensch Priorität haben.
Sie haben bereits 2013 vor einer Spaltung der Linken gewarnt. War diese Spaltung nach einem Wahlsieg der Syriza-Partei im vergangenen Januar unvermeidlich?
Meiner Meinung nach haben der ehemalige Energieminister Panagiotis Lafazanis und die anderen Anhänger der linken Plattform viel zu spät reagiert. Ich bin der Ansicht, dass es in der Syriza-Bewegung sofort zum Bruch hätte kommen müssen, nachdem klar geworden war, dass Alexis Tsipras eine 180-Grad-Wende vollzogen hatte. Für die griechische Linke mit ihrer Tradition der Unbeugsamkeit ist die Unterwerfung unter ausländische Direktiven, die ausländischen Interessen dienen, ein schändlicher Akt.

Kann es überhaupt eine wirkliche linke Regierung innerhalb des Euro geben?

Natürlich. Aber dazu muss Griechenland ein gleichberechtigtes Land in der Europäischen Union sein, das es nicht ist, und Griechenland müsste seine nationale Unabhängigkeit haben, was nicht der Fall ist.

Könnte eine Position, die für die Rückkehr zur Drachme wirbt, in Griechenland je mehrheitsfähig werden?

Ich halte das für ausgeschlossen.

Sie haben schon viele Wendungen der griechischen Geschichte miterlebt. Wie besorgt sind Sie gegenwärtig um Ihr Land?
Mehr als je zuvor. Und zwar, weil inzwischen allen klar ist, dass die Erdöl- und Gas-Vorräte in Griechenland möglicherweise einen Wert von einigen Billionen Euro haben. Die dramatischen Ereignisse, die zur absoluten Katastrophe in den Ländern des Nahen Ostens und in Libyen geführt haben, machen mir Angst. Denn Auslöser dafür ist genau das: Bodenschätze wie Erdöl und Erdgas, die die starken Nationen für sich beanspruchen. Deshalb werden diese Völker vernichtet. Und auch Griechenlands Vernichtung hat bereits begonnen. Nicht durch Bombardements und Massentötungen, sondern durch Methoden, die ökonomisches Ersticken bewirken. Ich habe es schon oft gesagt: Von dieser Erstickungspolitik mit den Mitteln der Austerität sind bereits 50 Prozent der Griechen auf die eine oder andere Weise betroffen. Durch die Umsetzung der Vorgaben des dritten Memorandums unter der Ägide der Strategen Merkel, Schäuble und jetzt auch Syriza wird unser aller Vernichtung besiegelt.

Hat sich Ihre Vorstellung von Europa in den vielen Jahren verändert?

Ja, die hat sich grundsätzlich geändert. Zu einer Zeit, als die gesamte griechische Linke die Idee eines gemeinsamen europäischen Konzepts ablehnte, war ich der einzige Freund eines solchen Europa. Und das sicher gerechtfertigt. Denn während der Junta-Zeit hatte ich zwischen 1970 und 1974 hunderte von anti-diktatorischen Konzerten in ganz Europa gegeben. Das euphorischste Publikum war übrigens das in der Bundesrepublik, und vor allem gehörten dazu die Jugendlichen in Westdeutschland. Damals stellte ich fest, wie stark die Solidarität war, die die europäischen Völker mit Griechenland übten, und dass sie sich hochengagiert einsetzten für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und für die Achtung der kulturellen Werte eines jeden Landes.

Und das ist heute anders?

Wie auch immer. Ich glaube trotzdem, dass keine Krise dieser Welt eine solche Zerstörungskraft hat, all die bedeutenden Errungenschaften der Europäer auf den Gebieten der Wissenschaft und Kultur zunichte zu machen. Und ich glaube auch, dass sich die europäischen Völker in der überwiegenden Mehrzahl – also auch die Menschen in Deutschland – von ihren großartigen Traditionen und ihren grundlegenden geistigen Werten nicht verabschiedet haben. Dieses „Europa der Bürger“ – da bin ich mir sicher – wird letztendlich triumphieren.

Welche Rolle spielt Deutschland? Haben Sie eine Botschaft an Angela Merkel?

Die Bundeskanzlerin ist mir sympathisch. Ich verstehe, dass die allgemeinen Bestrebungen ihrer Politik dahin gehen, die Befriedigung der Bedürfnisse und das Wohlergehen ihres Landes zu sichern. Und ich denke, das sollte das Ziel aller Politiker auf der Welt sein. Ihre Frage erinnert mich jedoch an meine persönliche Beziehung zu Deutschland und indirekt auch zu Frau Merkel. Gestatten Sie mir, das zu erklären. 1967, als die Diktatur kam, war ich im Gefängnis. Eine gewaltige internationale Solidaritätswelle versuchte, mich freizubekommen. Die Regierung der DDR schloss sich dieser Initiative von Dmitri Schostakowitsch, Arthur Miller, Harry Belafonte und anderen an und gab den Befehl, dass Schüler aus allen Schulen des Landes an das Gefängnis Averof, wo ich mich befand, eine selbst gemalte bunte Blume schicken sollen mit dem Aufruf: Freiheit für Theodorakis! Eines Tages erzählte mir einer der Gefängniswärter, dass der Keller voll ist mit Säcken, gefüllt mit Postkarten, darauf Blumen, aus der DDR für mich. Ich bat ihn, mir einige dieser Karten zu bringen, was er auch tat. Wir tapezierten die Wände unserer Zellen mit diesen Blumenbildern, die größte Wandgestaltung war im Esssaal des Gefängnisses. Ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber irgendwo habe ich gelesen, dass die Bundeskanzlerin gesagt hätte, dass auch sie zu den Schülern gehörte, die so eine Karte an mich geschickt haben. Ich habe auch irgendwo gelesen, dass sie später mit Enttäuschung festgestellt habe, dass ich nach meiner Freilassung keine Konzerte in der DDR gegeben habe, sondern nur in der Bundesrepublik.

Wieso sind Sie in der DDR nicht aufgetreten?

Damals, als diese Postkarten-Aktion stattfand, wurden auch einige Schallplatten von mir in der DDR veröffentlicht, und der berühmte Komponist Paul Dessau schrieb ein Oratorium, bei dem er den Wortlaut des Verbots meiner Musik durch die Junta vertonte. Dieses Verbot betraf nicht nur den Besitz, sondern auch das Hören meiner Musik. Kurze Zeit später spaltete sich die Kommunistische Partei Griechenlands. Die zwei größten Gruppen waren die „orthodoxe KP“ und die „reformistische KP“, die sehr nah dem damals so genannten Eurokommunismus stand und die die Unabhängigkeit der Kommunistischen Partei von der Sowjetunion postulierte. Als ich nach drei Jahren freikam und ins Ausland ausreisen durfte und jeder meiner Versuche, die Kommunistische Partei wieder zu vereinigen, scheiterte, wurde ich Mitglied der eurokommunistischen „Inlands-KP“, mit der ich viel mehr Gemeinsamkeiten hatte. Sofort änderte die Regierung der DDR ihre Haltung mir gegenüber. Ich wurde zur persona non grata erklärt, meine Musik durfte nicht mehr im Rundfunk gespielt werden, und später erfuhr ich, dass alle Lagerbestände meiner Schallplatten vernichtet wurden. Mein Name wurde quasi ausradiert. So war der Grund dafür, dass ich zehn Jahre lang nach meiner Freilassung in der DDR keine Konzerte gab, nicht meine Entscheidung, sondern ich war in der DDR unerwünscht.

Aber die Menschen in der DDR haben Ihre Lieder trotzdem gehört?

Ab 1978 verbesserten sich meine Beziehungen zur Kommunistischen Partei, die mich sogar zum Bürgermeisterkandidaten von Athen machte und 1981 auch zum Parlamentsabgeordneten, beides als Parteiloser. Trotzdem öffneten sich dadurch für mich automatisch wieder die Türen zur DDR. In den folgenden Jahren wurden dort meine großen sinfonischen Werke aufgezeichnet und als Schallplatte veröffentlicht. Der „Canto General“, die 3. und die 7. Sinfonie, das Oratorium „Sadduzäer Passion“, „Axion Esti“ auf deutsch und die Liturgie Nr. 2.

Ihre Liturgie Nr. 2 wurde in der Martin-Luther-Kirche in Dresden und im Brandenburger Dom aufgeführt …

Meine musikalische Heimat ist Deutschland. Ich habe Harmonie, Kontrapunkt und Fuge, also Musikkomposition, am Konservatorium Athen studiert, das zu hundert Prozent in der deutschen Tradition stand. Meine Vorbilder waren Bach, Beethoven und Schubert, mit denen ich mich eingehend beschäftigte. Ich denke, es ist daher ganz natürlich, dass meine Musik – trotz ihres Griechischseins – Elemente in sich hat, die aus der deutschen Musiktradition kommen. Das gilt selbst für meine Lieder. Und ich gehe davon aus, dass vielen Menschen in Deutschland meine Musik deshalb so nah ist. Es wird wohl kein Zufall sein, dass meine Musikverleger Schott und Breitkopf & Härtel beides deutsche Verlage sind.

In diesem Jahr konnte das Publikum in Dresden und Brandenburg abermals erfahren, dass der Geist der großen deutschen Sinfoniker dem Wesen meiner Musik innewohnt. So erklärt sich für mich jedenfalls der grandiose Erfolg der Aufführungen in diesen beiden Städten. Die „Liturgie Nr. 2“ ist im Rahmen meines Gesamtschaffens sicher ein wichtiges Werk, aber trotzdem ist ihre Bedeutung nicht zu vergleichen mit der Bedeutung, die meine Sinfonien haben.

Die Fragen stellte Elisa Simantke. Die Antworten wurden übersetzt von Asteris und Ina Kutulas.

TAGESSPIEGEL 20.09.2015