Wochenendseminar „Gewerkschaften zwischen Standortpolitik und internationaler Solidarität“

11.-13.10.1996

Impulsreferat „Was ist unser Standort ?“

Seit nunmehr fast 5 Jahren führt bei uns nun die „Standortdebatte“ geführt. Diese Debatte ist sowas zu einem Generalthema geworden, dem sich alles unterzuordnen hat. Der sichere Standort – das ist wie eine Trutzburg. Nur gut befestigt kann sie dem Sturm der Feinde widerstehen. Die Feinde – das sind die konkurrierenden Unternehmen und andere Staaten, die es besser verstehen deren Geld an sich zu ziehen. Wenn wir – ja wir alle – hier versagen – so wird suggeriert – ist man bei diesem kriegerischen Wettbewerb außen vor und deklassiert. Den Beutekuchen teilen sich dann andere.

Die Standortdebatte ist kein friedliches Austauschen von guten oder schlechten Argumenten ohne Zwang. Sie ist eine große Keule, die geschwungen wird, um Menschen zu erpressen. Die Botschaft derjenigen, die diese Keule ausgepackt haben – die Manager der großen Unternehmen und ihre politische und wissenschaftlichen Lobbyisten – ist denkbar einfach:

Entweder ihr rückt freiwillig Rechte und erkämpfte Sozialstandars wieder raus oder wir entziehen euch den Arbeitsplatz. Dies tun wir natürlich nicht aus Bereicherungssucht. Nein: Wir tun dies, weil ihr mittlerweile so teuer seid, daß sich unser Geschäft kaum mehr lohnt.

Egal, mit wem man momentan redet. Aus den Betrieben hört man: Wir werden regelrecht erpreßt. Unsere Abhängigkeit macht uns zu Geiseln und es ist schwer sich aus dieser Lage zu emanzipieren. Für dieses Problem stehen so schöne Firmennamen wie Viessmann, Burda, Mohndruck, Drägerwerk, IBM, Bizerba oder Opel. Und sie sind nur die berühmte Spitze des Eisbergs, der in die Öffentlichkeit gedrungen ist. Diese Beispiele verdeutlichen auch, daß die Erfahrung und die Ausnutzung von Abhängigkeit und nicht der rosarote Himmel neuer Partizipationschancen den Alltag unserer meisten Kollegen und Kolleginnen prägt.

Die Drohungen der Unternehmer wären nicht weiter neu – das Lied über die überbordenden Kosten der Arbeitskraft ist so alt wie der Kapitalismus – wäre da nicht eine tatsächliche größere Beweglichkeit für das Kapital, die es einfacher macht als früher Fabriken auch woanders aufzumachen und das Geld auch dort ohne große Risiken anzulegen.

Grund dafür sind die sinkenden Transportkosten und die modernen Kommunikationsmedien. Früher war ein japanisches Auto in Europa gar nicht verkaufbar, da die Transportkosten es unverkäuflich gemacht haben. Auch die Verschiebung von Geld war schwer. Dies lag schon daran, daß nur ein kleiner Teil der Welt bereit war seine Währungen konvertibel mit dem Dollar zu machen oder sich weigerte die Sicherheit der Investoren vor Enteignungen zu garantieren. Diese Hindernisse sind heute weitgehend vom Tisch.

Diese Tatsachen sind in aller Munde. Doch nur wenige verweisen darauf, daß diese Entwicklung nicht zwangsgesetzlich einer wirtschaftlichen Eigendynamik gefolgt ist, so wie einem Naturgesetz, das man einfach zu respektieren hat, will man sich nicht lächerlich machen.

Diese Entwicklung, der man den schönen Namen „Globalisierung“ gegeben hat, kam nicht über Nacht und von Geisterhand, sondern sie wurde durch politische Entscheidungen von Regierungen in die Welt gesetzt.

Diese Entscheidungen waren und sind Gesetze zur Erleichterung des Kapitaltransfers, zur Steuerfreiheit und es sind internationale Handelsverträge wie das WTO-Abkommen, in dem sich die Regierungen praktisch ein Stück selbst entmachtet haben. Zweck der Übung: Die multinationalen Konzerne haben größere Freiheiten denn je ungehindert aus Arbeitskraft Profite zu schlagen und diese mit niemandem teilen zu müssen. Den weniger potenten Unternehmen – z.B. in den Ländern mit niedriger Arbeitsproduktivität – wird der staatliche Schutz entzogen, so daß das wirtschaftliche Gesetz des Stärkeren noch erbarmungsloser dem schwächeren Konkurrenten das Licht ausbläst.

Wie in den Statistiken nachlesbar hatte dies eine Stärkung der Macht der Multis zur Folge und soll sie weiter haben. Gewaltige Geldströme entziehen sich mittlerweile jeder Kontrolle durch Zentralbanken einzelner Länder. Doch ist es natürlich eine interessierte Legende so zu tun als ob dies unabänderlich ist. Es wird nur durch die nicht geändert, die daraus ihren Nutzen ziehen. Die eigentlich interessante Frage ist: Warum ändern es die nicht, die dadurch Nachteile haben? Dies sollte ein Thema unseres Seminars sein.

Die große Keule betrifft jedoch nicht nur die Löhne und das was so gerne Lohnnebenkosten genannt wird. Allein dieser Begriff zeigt gut, wie die Keule arbeitet. Lohnnebenkosten: Das sind die durch die Versichterten gezahlten Leistungen, die sicherstellen sollen, daß niemand auf Grund seiner Lohnabhängigkeit verarmt, sei es durch Krankheit, Arbeitslosigkeit oder im Alter. Diese Leistungen bedürfen an für sich keinerlei Begründung. Sie sind ein positiver Zweck an sich. Doch – so kürzlich ein Wirtschaftsprofessor – sieht sich die Gesellschaft heute „stärker durch die Brille der Börse“. Was heißt das? Und was hat das mit der Standortdebatte zu tun?

Der Börsenblick, von dem hier die Rede ist, geht aus von den Augen der Aktionäre oder der Vermögensbesitzer allgemein. Diese betrachten die gesamte Gesellschaft unter dem Blickwinkel betrieblicher Rentabilität: : Vermehrt eine politische Entscheidung mein Vermögen oder mindert es mein Geld? Den Fragesteller interessiert nicht, welche Folgen diese Politik für andere hat? Ob die Mehrheit vielleicht negativ betroffen ist durch Maßnahmen, die sein Vermögen vergrößern.

Der Standortpolitik fordernde Vermögensbesitzer erwartet von den Politikern, daß sie seine Brille aufsetzen. Alle politischen Entscheidungen werden daraufhin gefragt: Sind sie dem Vermögensbesitzer nicht zu teuer? Will oder braucht er sie überhaupt?

Alle gesellschaftlichen Bereiche werden auf die Waage gelegt: Arbeit, Ausbildung, soziale Sicherheit, Gesundheit, Wohnen und Kultur. Hat der Vermögensbesitzer daran einen direkten Nutzen oder belasten diese Posten nur die Staatskasse und verrringern die Summen, die ihm als Subventionen oder Steuerermäßigung oder gar Steuerbefreiung zufließen könnten?

Dieses makabre Spiel wird momentan geradezu mit Besessenheit gespielt und der Fluß des Geldes fließt anders als beim Wasser in der Natur hier ständig von unten nach oben. Damit diese ergiebige Geldquelle jedoch nicht versiegt, gehört es zu diesem Spiel – und es ist vielleicht das Herzstück dessen – daß allerlei Hindernisse aus dem Weg geräumt werden.

Zu diesen Hindernissen gehören im Prinzip sämtliche rechtlichen und politischen Schutzmechanismen, die sich die Arbeiterbewegung in den letzten 100 Jahren erkämpft hat. Den Konstrukteuren der neuen Gesellschaft – die SPIEGEL-Autoren Martin und Schuhmann nennen diese Turbokapitalismus – arbeiten an einem Zustand, in dem der kollektive Status der Lohnarbeit beseitigt ist und eine moderne Tagelöhnerei an ihre Stelle tritt. Statt dem sog. Normalarbeitsverhältnis mit unbefristetem Arbeitsvertrag und Sozialversicherung, Kündigungsschutz und gewerkschaftlicher Interessensvertretung tritt eine Zustand, der einem Arbeiten auf Zuruf gleicht. Die durch Flächentarifverträge bisher noch bis zu einem gewissen Grad für die Mehrheit gesicherten Mindeststandards soll es dann nicht mehr geben. Einen Arbeitsvertrag wie er früher als normal galt wird als Belohnung und Privileg an eine kleine Minderheit verteilt. Es ist sozusagen das große Los, das ein abhängig Beschäftigter ziehen kann. Der Rest hat sich mit Nieten zu begnügen. Denn die Mehrheit muß sich in ungeschützten und schlecht bezahlten Artbeitsplätzen über Wasser halten oder ist davon ganz ausgeschlossen und zur Armut verurteilt.

Als Modell für diese krasse Gesellschaftsspaltung stand in den 80er Jahren Japan. Der japanische Arbeitsmarkt spaltete sich bereits damals in den der relativ gesicherten und gut bezahlten Kernbelegschaften der großen Konzerne einerseits , flexible Randbelegschaften und eine regelrechte Hinterhofökonomie, in der die Tagelöhnerei neu erblühte, andererseits. Es versteht sich von selbst, daß der erste eine Männerdomäne und der zweite vor allem für Frauen reserviert ist. Die Voraussetzung für eine Arbeit im ersten Sektor war die Bereitschaft zu maßloser Überarbeit. 10 000 werden in Japan Opfer des karoshi des Tods duch Überarbeitung. Die Menschen im zweiten Sektor leben in ständiger Unsicherheit und sind von Armut bedroht.

Das neue Modell der 90er sind die USA, die heute als Heimstadt der working poor im entwickelten Kapitalimus gelten können. Millionen von Menschen können sich nur dadurch über Wasser halten, daß sie 3 oder 4 Jobs geichzeitig ausüben. Dies ist auch der Kern des berühmten amerikanischen Job-Wunders. In Amerika spricht man heute nicht mehr von der 2/3-Gesellschaft, sondern von der 1/5-Gesellschaft. Dahinter steht die krasse Spaltung der amerikanischen Gesellschaft in ein sich bereicherndes oberstes Fünftel und in den großen Rest, der zu den Verlierern zählt. Die untersten 20% werden direkt in die Armut gedrückt. Und auch die Mitte wandert nach unten. 8 von 10 Amerikanern verdienen heute weniger als vor 20 Jahren. Dafür erhalten Generaldirektoren heute nicht mehr nur das 41fache, sondern das 141fache eines Arbeiterlohns.

Ein Schlaglicht auf die veränderten sozialen Standards in diesem ehemaligen sog. Musterland des Wohlstands kann man daran erkennen, daß die Schwitzbuden der amerikanischen Textilindustrie heute in direkter Konkurrenz zu den Billiglohnbetrieben in Mittel- und Südamerika stehen und hier überleben.

Nach 45 waren die USA stolz auf ihre große Mittelklasse, die die Mehrheit der Bevölkerung umfaßte und bis in die Schichten der Arbeiterklasse reichte. Für die heutige Gesellschaft trifft die Beschreibung Martin Winters in der FR: Die Reichen werden reicher, die armen ärmer und die Mittelklasse löst sich auf.

Innerhalb des obersten Fünftels heben sich dann nochmals die obersten 2% ab, die als vielfache Multimillionäre und Milliardäre regelrecht im Geld schwimmen. Hier ist die soziale Ignoranz sprichwörtlich. Sie bunkern sich lieber in eigens bewachten und dem Staat vorenthaltenen Geldern in hochgezogenen Luxusorten auf der grünen Wiese ein und fühlen sich für die Lösung der Probleme des Landes nicht verantwortlich. Statt Geld in soziale Sicherungssysteme oder andere Entwicklungsprogramme zu investieren rufen sie nach dem Ausbau des Gefängnissystems und nach der Todestrafe. Besonders betroffen davon sind die Schwarzen. Der schwarze Journalist Abu Jamal, der in der Todeszelle sitzt, hat deshalb auch die Gefängnisse der USA als große schwarze Communities bezeichnet.

Doch zurück zu Standortdebatte hier.

Das wichtigste politische Ziel der Standortdebatte der Unternehmerverbände in der Bundesrepublik besteht unserer Meinung darin auch hier einen vergleichbaren Niedriglohnsektor zu gründen.

DIHT-Präsident Stihl möchte, daß geringerwertige Arbeit endlich wieder geringerwertig bezahlt werden kann. Dies haben die Unternehmensverbände auch beim Kanzler eingeklagt. Die Klage blieb nicht ungehört. Der Zug hat längst diese Richtung eingeschlagen. Prof. Giersch vom arbeitsgebernahen Institut für Weltwirtschaft in Kiel gab die Richtung an: Auf Dauer könne einfache Arbeit bei uns nicht teurer sein als in Tschechien, ja auf Dauer auch nicht teurer als auf dem indischen Subkontinent. Und Finanzminister Waigel legte eine neue Zielmarke für den prekären Arbeitsmarkt fest: Das Lohnabstandsgebot zwischen den gezahlten Löhnen und der Sozialhilfe solle sich nicht mehr länger an den Tariflöhnen orientieren. Nein: der 15% Abstand müßten sich auf die niedrigsten auf dem freien Markt erzielbaren Löhne beziehen. Wir haben heute bereits Subkontraktlöhne, die auf dem Bau unter 7 DM liegen. Das Gleiche trifft z.B. für die Textilindustrie im Raum Chemnitz oder für die Saisonarbeit im Weinbau oder in der Gastronomie zu. 100 000 von Arbeitsverhältnissen in der Grauzone und in der vollständigen Illegalität weiten diese Grenze bereits in Richtung 2 DM aus. Die jüngsten Gesetzesmaßnahmen zur Kürzung der Arbeitslosenhilfe und der Sozialhilfe sind weitere Schritte den Zwang zur Arbeit gleich zu welchem Preis durchzusetzen.

Dieser Weg in Richtung Vollbeschäftigung in Armut scheint auch hinter der von Kanzler und Kapital verkündete Halbierung der Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2000 stehen. Wie anders soll man es sich sonst erklären, daß die Schaffung von zusätzlich nur 100 000 regulären Arbeitsplätzen – so Sprecher der Arbeitgeber – völlig unmöglich sei, die Schaffung von Arbeitsplätzen um das 20fache jedoch nicht.

Die kapitalistische Ökonomie steckt insgesamt in der Krise. Sie ist immer weniger in der Lage die Probleme auf der Welt zu lösen. Durch völlig ungerechte Verteilung der Ressourcen zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden werden Hunger, Umweltkatastrophen, Krieg und Unterentwicklung zementiert. Heute ist klar: Das nördliche Industriealisierungsmodell als Modell für die Welt ist gescheitert.

Und dazu kommt eine neue Entwicklung: Nicht einmal im priviligierten Norden ist diese Produktionsweise heute mehr in der Lage die gesellschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Eine gesicherte Lebensperspektive für die Mehrheit der Bevölkerung in den entwickelten Industrieländern wird zur zunehmend das Privileg der Reichen und eines durch Vermögen abgesicherten Mittelstands. Die begüterte Minderheit ist weniger denn je bereit ihren Reichtum zur Lösung der dringenden gesellschaftlichen Probleme zur Verfügung zu stellen, obwohl dieser Reichtum unaufhörlich wächst.

Dies zeigen die Statistiken über die Entwicklung von Vermögen aus Einkommen- und Unternehmertätigkeit und es wird eindrucksvoll durch die Werte des Deutschen Aktienindexes DAX unterstrichen, der parallel zur Massenarbeitslosigkeit fast monatlich neue historische Höchstwerte erreicht. Momentan liegt er bei über 2700 Punkten.

Die Macht der Gesellschaft den von ihr akkumulierten Reichtum auch zur Entwicklung der Gesellschaft einzusetzen befindet sich auf dem Tiefpunkt. Insofern ist die Krise real.

Das Gerde von den zu hohen Lohn und Lohnnebenkosten in der Standortdebatte spiegelt das nur wieder. Es geht im Prinzip um die Aufteilung des Kuchens in Gewinne der Aktionäre einerseits und Steuern an das Gemeinwesen sowie die Löhne an die Belegschaft auf der anderen Seite.

Ein Beispiel sei Daimler Benz. Der Konzern zahlt bis zum Jahr 2000 keine Steuern mehr, da er beim deutschen Fiskus seine gescheiterten Übernahmen wie bei Fokker NL u.a. als Verlust abschreiben kann. Gleichzeitig erklärt der Vorstand in Zukunft müsse jeder Werksteil dichtgemacht werden, der keine 12%ige Rendite abwerfe. Milliardeninvestitionen werden getatigt, schaffen jedoch keine neuen Arbeitsplätze sondern verbinden sich mit einem Programm des Belegschaftsabbaus.

Ein besonderes Standortproblem der deutschen Wirtschaft, das es erforderlich machen müßte, besondere, ja überhaupt den Aktionären Opfer zu bringen, sehen wir nicht. Diese Sicht der Dinge beshränkt sich nicht auf so unbelehrnbare linke Spinner wie uns. Man kann das auch in verschiedensten Gutachten wie dem des ifo München und des DIW Berlin nachlesen. Und der Chef des HWWA-Instituts Katzenbach hat das Kind offen beim Namen genannt: Hinter dem Donnergegrolle der Standortdebatte stehen Verteilungsinteressen, sonst nichts.

Und das Verteilungsinteresse aller Unternehmen besteht in der gegenwärtigen Überproduktionskrise darin auf Kosten der Konkurrenz in gesättigte Märkte einzudringen. Die neuen Märkte in den asiatischen Ländern oder Mittelamerika sind für die Überwindung des überschüssigen Kapitals viel zu wenig aufnahmefähig. Hier fehlt die Kaufkraft. So müßte ein BMW-Arbeiter in Indonesien 28 Jahre seinen ganzen Lohn draufgeben, um sich das Einstiegsmodell zu kaufen. Darum hat der ehem. Vorstandsvorsitzende von BMW v. Kuenheim auch daraus den Schluß gezogen: Es gäbe zwar zu viele Autos auf der Welt. Aber es gäbe zu wenig BMWS. Wenn neue Märkte nicht groß genug sind, muß man dem Konkurrenten seinen Marktanteil streitig machen.

Dies gelingt nur, wenn BMW billiger als die Konkurrenz ist und deshalb heißt die Losung: Mehr Autos mit weniger Leuten in weniger Zeit und zu weniger Geld.

Die eigentlich interessante Frage ist nur, warum wir uns als Gewerkschaften auf diese Logik einlassen sollen. Was haben wir dabei zu gewinnen? Mich erinnert das ganze eher an das berühmte Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“.

Die Haltung der Gewerkschaften in dieser Frage ist gespalten. IG Medien und HBV stehen dieser Logik ebenso wie die GHK ablehnend gegenüber. Auch die ÖTV scheint hier gespalten. Diese Branchen haben dabei natürlich den Vorteil, daß sie nicht so weltmarktorientiert sind wie bei der Industrie.

Die IG Chemie ist der Vortrupp der Standortkommandanten wie Altvater das genannt hat. Die IG BAU neigt auch zu dieser Position und auch die Mehrheit der verantwortlichen Funktionäre unserer Organisation befindet sich offensichtlich auf der Reise nach Jerusalem.

Denn aus Erfahrungen in den Betrieben wie aus Presseveröffentlichungen verantwortlicher Funktionäre der IG Metall drängt sich uns die Einschätzung auf, daß die IG Metall der Standortlogik im Prinzip zustimmt. Was bedeutet diese Logik in der Konsequenz ?

Die Logik der Standortkonkurrenz orientiert auf das gemeinsame Überleben der Belegschaften mit dem Management der starke deutschen Konzerne gegen die schwächere auswärtige Konkurrenz auf den Märkten. Statt sie zu überwinden schürt man so nur die gegenseitige Konkurrenz der abhängig Beschäftigten, denn auch die KollegInnen der aus dem Markt gedrängten Betriebe, die Verlierer, sind und bleiben Lohnabhängige. Und das Leben ist nicht ein Spiel wie das mit der Reise nach Jerusalem.

Geht man diesen Weg, ist man außerstande überzeugend gesellschaftspolitische Konzepte zu vertreten, da solidarisches Handeln sich nicht nach betrieblichen Rentabilitäts-erwartungen richten kann.

Statt eine gemeinsame Strategie für alle Lohnabhängigen zu erarbeiten und die Interessen aller Gruppen im Blick zu behalten, verschreibt man sich einer Politik des Opfergangs für das Überleben von industriellen Rumpfbelegschaften auf Kosten der bereits prekarisierten Schichten der Bevölkerung.

Wer das Kapital nicht mehr in die Pflicht nehmen will, kann auch keine gesellschaftlichen Reformen mehr begründen,

> die zu zu einer gerechten Neuaufteilung der Arbeit für alle mit gesicherten sozialen Standards führen,

> er kann keine ökologischen Konzepte realisieren

> und er kann erst recht nicht Mittel und Kräfte freisetzen, die das Nord-Süd-Problem verantwortlich angehen.

Wir brauchen einen Bruch mit der Logik der Standortkonkurrenz und allen seinen Blühten wie „Sicherung des Standorts Deutschland“ oder der „Wettbewerbsfähigkeit“ oder ähnlichem. Dies ist schwer und wir werden dabei nicht selten auch auf die Nase fallen, weil wir hier die Logik des Systems infragestellen.

Doch glauben wir, daß nur das Festhalten an gemeinsamen Interessen von Lohnabhängigen innerhalb und außerhalb deutscher Betriebe und über Ländergrenzen hinweg das Herzstück der gewerkschaftlichen Idee am Leben halten läßt: die Solidarität der Schwachen gegen die Starken mit dem Ziel aus Schwäche Stärke zu machen.

Momentan wird eins besonders deutlich: der Prozeß der sog. Globalisierung ist ein Treibhaus der Konkurrenz zwischen der lebendigen Arbeit innerhalb und zwischen den Ländern. Wird dieser Prozeß nicht gestoppt, droht aus Schwäche Ohnmacht zu werden.

Diese Trendwende ist möglich – und dies ist unsere Meinung – sie erfordert vor allem eins: die Überwindung der eigenen Angst. Es kommt sozusagen darauf an, daß die Angst die Seiten wechselt.

Unsere französichen KollegInnen haben uns das vorexerziert. Und auch die Italiener haben gegen eine konservative Regierung einen Generalstreik gemacht. Gegen die gemeinsame Front der europäischen Gewerkschaften sind die Standorterpressungen nichts mehr als heiße Luft.

Doch bei uns scheint die Taktik nicht weniger ins Co-management verliebter Funktionäre eher zu sein bei Protestaktionen eben diese Luft kurz rauszulassen und dann das Ventil schneller wieder zuzudrehen. Wenn man dies in einer Situation macht, in der die Kollegen wirklich einmal ihre Angst überwunden haben und mehr wagen wollen, verliert man völlig das Recht sich daüber zu beklagen, wie schwierig es ist, verängstigte Belegschaften zu mobilisieren.

Es ist ferner an der Zeit horizontal über Ländergrenzen hinweg Kontakte zu knüpfen und diese zu pflegen statt sich mit Macht für den Zeitfahrplan der WEU in die Bresche zu werfen.

Die Orientierung auf diesen Zeitplan bei völligem Fehlen von sozialen Kriterien im Einheitsprozesses – und der DGB und der IG-Metallvorstand werden nicht müde seine Einhaltung anzumahnen – ist ein gutes Beispiel für eine Strategie das eigene Überleben an die Konkurrenzvorteile der heimischen Konzerne zu binden statt dies die Konkurrenz der Lohnabhängigen über die Betriebsgrenzen hinweg einzudämmen. Denn egal, wer dieses Thema anschneidet. Nie fehlt der Hinweis auf die Konkurrenzvorteile, die für deutsche Unternehmen aus der Einhaltung des Zeitplans zu ziehen sind.

Die von der IG Metall-Jugend maßgeblich organisierte Aktion „Panzerknacker in Bankfurt“

hat eigentlich den Kern des Problems „Standort Deutschland“ sehr schon auf den Punkt gebracht. Ich hätte gern daran teilgenommen, wenn man mich als Gruftie zugelassen hätte. Doch ich mußte am Wochenende unbedingt woanders hin.

Die Mehrheit der gegenwärtigen Jugend hat mehr Gründe denn je zu rebellieren. Erst jüngst hat eine Fachkonferenz zur Jugendkriminalität darauf aufmerksam gemacht, daß eine Folge der krankhaften Standortdiskussion darin bestehe, daß die reichste Gesellschaft Europas ihre Jugend verkommen lasse. In dieser Woche war zu lesen, daß sich die Zahl derjenigen, die keine Lehrstelle mehr bekommt bis zum Jahr 2005 noch weiter vergrößern wird. Und bekanntlich werden auch an den Hochschulen die Studienplätze abgebaut. In der größten Unistadt Deutschlands, in Berlin, sollen in Zukunft die Studienplätze nicht einmal für alle studienwilligen Berliner Jugendlichen ausreichen.

Und in der Tat: Ihr könntet die erste Nachkriegsgeneration sein, die mehrheitlich schlechter leben muß als die eigenen Eltern, obwohl sich viele vielleicht gesagt haben: Das, was die Alten sich angetan haben, tun wir uns nicht mehr an.

Die politischen Herausforderungen, die sich aus diese Lage ergeben sind bei weitem größer als bei der Elterngeneration, die noch einen Zipfel der sog. goldenen Jahre des Kapitalismus abbekommen haben. Dazu gehören wohl auch Hans und ich.

Dies soll als Impuls für eine streitbare und fruchtbare Diskussion ausreichen.